Verhaltenstherapie bei MS: Wie funktioniert sie – und wem nützt sie? (Video)

Die Verhaltenstherapie ist eine spezielle Form der Psychotherapie. Das Prinzip: Unser Verhalten hat Einfluss auf unser Innenleben, auf unsere Gefühle und auf unsere Gedanken. Und da sich Verhalten (meistens) ganz gut zielgerichtet ändern lässt – leichter zumindest als die Emotionen selbst –, können wir über unser Handeln Einfluss nehmen auf unser Fühlen. Das klingt doch schon mal ganz positiv! Aber was hat das mit MS zu tun? Die Antwort: Einige Symptome der Erkrankung sind psychosomatisch; sie bilden also einen gemischten körperlich-psychischen Zustand ab. Wie die Verhaltenstherapie dort ansetzen kann, erfahren Sie in diesem Artikel und im Videointerview mit unserer Expertin Dipl.-Psych. Sally Schulze.

Auf die Pritsche und ab in die Vergangenheit?

Einige Klischees über psychologische Behandlungen halten sich hartnäckig: Erst wenn im Kopf wirklich alle Alarmglocken klingeln, legt man sich bei einem verständnisvoll nickenden Psychologen (weißer Bart) auf eine Liege und redet stundenlang über seine Kindheit, bis die Erkenntnis über eine verdrängte, frühkindliche Erfahrung endlich den Bann bricht – und das Seelenleid verschwindet. Dieses aus der Psychoanalyse stammende Zerrbild hat wenig zu tun mit der modernen verhaltenstherapeutischen Begleitung. Hier werden Patientinnen und Patienten selbst aktiv und entwickeln über einen Lernansatz effektive und teils komplexe Lösungsstrategien. Unterstützt von einem Experten, aber dennoch selbstbestimmt. Denn Verhaltenstherapie zielt darauf ab, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Kindheit ist nicht egal, aber die Behandlung beginnt im Hier, im Heute, im Jetzt. Verhaltenstherapie ist aktivierend. Sie setzt auf die gestalterische Kraft, die Motivation und die Lösungskompetenz der Betroffenen.

Woher stammt die Verhaltenstherapie?

Entwickelt wurde dieser Ansatz ursprünglich von John B. Watson (1878–1958), einem Zeitgenossen Sigmund Freuds, der statt auf tiefenpsychologische Verfahren auf die Erkenntnisse der damals vergleichsweise jungen Lerntheorie setzte (aus der Schulzeit kennen die Meisten noch die „Klassische Konditionierung“ nach Pawlow). Seitdem hat sich aus dem Ansatz ein komplexes Therapieverfahren mit breiten Methodenportfolio entwickelt. Der Schwerpunkt liegt auf der Beobachtung von Verhalten und auf dessen Veränderung. Denn: Wenn wir unser Verhalten ändern, dann ändern wir auch unsere Psyche – so die Theorie. Je nach Behandlungsziel werden undogmatisch unterschiedliche Ansätze aus der Konfrontationstherapie, aus der kognitiven Verhaltenstherapie und aus so genannten operanten Verfahren kombiniert. Systematische Desensibilisierung, Kontingenzverträge, kognitive Umstrukturierung – um nur einige Schlagworte zu nennen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Aus diesem Grund dürfen in Deutschland nur solche Personen Verhaltenstherapie anbieten, die nach einem Hochschulabschluss in Medizin oder Psychologie eine staatliche Approbation erhalten haben. Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich fundiert und schulmedizinisch seriös verankert.

Warum eine Verhaltenstherapie bei MS?

Eine Verhaltenstherapie kann für MS-Patientinnen und -Patienten aus ganz unterschiedlichen Gründen hilfreich sein: Bei der Verarbeitung der Diagnose, beim Umgang mit einigen Symptomen und bei begleitenden psychischen Erkrankungen.

  1. Strategien zum Umgang mit der Diagnose MS

Die Diagnose MS zieht vielen Betroffenen den Boden unter den Füßen weg. Sie verspüren Angst, Hilflosigkeit, Wut – und eine chaotische Palette an zumeist unangenehmen Gefühlen. Und das ist auch okay so. Schließlich verändert die Diagnose das Leben grundlegend; dann darf man sich auch mal schlecht fühlen! Dennoch: Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Betroffenen lernen müssen (und wollen), mit der Diagnose umzugehen. Das Leben geht weiter, und es kann sehr schön sein, auch mit einer unschönen Diagnose. Einige schaffen es ganz allein, mit den Gefühlen umzugehen und eine positive Haltung zu entwickeln. Andere wiederum holen sich Hilfe – und profitieren von einer psychotherapeutischen Begleitung. Das ist dann weder bemitleidenswert noch schwach, sondern in dein meisten Fällen einfach eine kluge Inanspruchnahme von professioneller Unterstützung. Anders ausgedrückt: Auch wenn man sich selbst für Autos begeistert, braucht man manchmal eben einen richtig guten Mechaniker. Was man in der Verhaltenstherapie lernt, sind indes keine Zaubertricks. Nötig ist teils harte Arbeit an sich selbst und etwas Geduld, um das Ziel zu erreichen: die Bewältigung der Emotionen, die unweigerlich mit der Diagnose einhergehen.

  1. Positiver Einfluss auf psychosomatische Symptome und den Krankheitsverlauf

Viele Patientinnen und Patienten mit einer Multiplen Sklerose leiden unter psychischen bzw. psychosomatischen Symptomen. Oft kommt es etwa zu Lern- und Gedächtnisstörungen. Auch bei der Fatigue, einer quälenden Müdigkeit, die leider fast jeder Betroffene kennt, handelt es sich um ein Symptom, das sowohl den Körper als auch den Geist betrifft. Bei diesen Symptomen kann eine Verhaltenstherapie Lösungsansätze offenlegen, die entweder die Symptome lindern oder wenigstens dem Umgang damit erleichtern. Noch wertvoller aber kann eine Therapie sein, wenn sie den Krankheitsverlauf aufhält oder verlangsamt. Was einige Betroffene angesichts des eindeutig körperlichen Charakters der MS als zynisch empfinden könnten, lässt sich ganz einfach erklären: Stress gilt als einer der auslösenden Faktoren für einen Schub, und in der Psychotherapie können Sie lernen, anders auf Anforderungen aus der Umwelt zu reagieren. Der Umgang mit Stress ist oft eines der zentralen Ziele der Verhaltenstherapie. Auf diese Art kann sogar ein positiver Einfluss auf den Krankheitsverlauf daraus resultieren.

  1. Depressionen und Angststörungen: Behandlung bei psychischen Begleiterkrankungen

Depression ist eine häufige Begleiterkrankung bei Menschen mit einer schweren chronischen Krankheit. Und sie ist auch für sich genommen eine schwere Krankheit. Bei der Multiplen Sklerose liegt das Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken, bei etwa 50 Prozent. Das Risiko für eine weniger schwere Depression liegt sogar bei 70 Prozent. Die Häufigkeit resultiert dabei natürlich einerseits aus dem emotionalen Druck, der durch die Krankheit entsteht, andererseits können aber auch neurophysiologische Veränderungen, die mit der Krankheit einhergehen, eine Depression auslösen. Besonders in den weniger schweren Fällen kann eine Verhaltenstherapie sehr gute Ergebnisse erzielen. Im Verlauf lernen die Betroffenen, wie sie hilfreiches Verhalten trainieren und nachteiliges Verhalten „verlernen“ können. Ziel ist es, ungünstige Denkmuster zu durchbrechen und positive Aktivitäten in den Alltag einzubauen, um so echte Lebensfreude zu finden und dauerhaft zu erhalten. Da einige Symptome der MS denen einer Depression stark ähneln, kann eine Psychotherapie zudem helfen, durch das Dickicht der ungewohnten Empfindungszustände zu navigieren und die individuell richtige Selbst-Therapie zu finden. Bei schweren Depressionen führt die Suche bis hin zu einer womöglich notwendigen medikamentösen Therapie. In diesem Fall ist die Abstimmung zwischen Psychotherapeut und Arzt sinnvoll, um zu entscheiden, ob eine Kombination aus Medikamenten- und Psychotherapie durchgeführt werden sollte.

Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab?

Vor der eigentlichen Therapie findet in der „probatorischen“ Sitzung ein gegenseitiges Kennenlernen statt, in dessen Verlauf auch die grundsätzliche Zielrichtung einer Therapie besprochen wird. Bei diesen Gesprächen wird der Therapeut feststellen, ob eine psychotherapeutische Behandlung im individuellen Fall überhaupt zielführend und sinnvoll ist. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Krankenkassen die Kosten für eine Behandlung nur im Auftrag des Therapeuten übernehmen. Ansonsten kostet eine Therapiestunde ca. 80 bis 100 Euro. Zunächst erarbeitet die Verhaltenstherapeutin oder der Verhaltenstherapeut gemeinsam mit den Patienten, welche aktuellen Themen besonders belastend sind und welche äußeren Bedingungen und Verhaltensweise damit verbunden sein können. Sie sprechen also über die Situation, die Gefühle, die Gedanken, vor allem aber auch über das Verhalten der Personen. Wie es danach weitergeht, lässt sich nicht pauschal beantworten – die individuelle Situation und die Zielsetzung entscheiden über den Fahrplan.

Wo finde ich einen Platz für eine Psychotherapie?

Die Suche nach einem guten Psychotherapeuten, der Zeit hat, kann nervig sein, denn die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Wer sich trotzdem selbst auf die Suche begeben möchte, findet im Internet spezialisierte Suchmaschinen, die hauptsächlich von Berufsverbänden – wie der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) oder dem Berufsverband Deutsche Psychologinnen und Psychologen (BDP) – betrieben werden. Hier ist vor allem für gesetzlich Krankenversicherte Vorsicht geboten: Einige dort registrierten Therapeuten arbeiten unter Umständen nicht mit den Krankenkassen zusammen, sodass sich dieser Rechercheweg eher für Selbstzahler anbietet. Falls Sie unsicher sind, ob Sie dort einen passenden Therapeuten finden: Auch der behandelnde Neurologe oder der Hausarzt kann meistens eine Empfehlung für eine private Behandlung aussprechen.

Der sichere Weg: Kassenärztliche Vereinigungen

Zuverlässig Auskunft geben die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Die Aufgabe der 17 regional organisierten Einrichtungen ist es, die vertragsärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten sicherzustellen. Ihnen liegen also Listen mit Therapeutinnen und Therapeuten aus Ihrer Gegend vor, die garantiert mit den Krankenkassen zusammenarbeiten. In jedem Bundesland ist eine KV für die Patientinnen und Patienten zuständig, mit Ausnahme von NRW, das in die KV Nordrhein und die KV Westfalen-Lippe unterteilt ist. Über die so genannten Terminservicestellen (TSS) der KV können Sie bei einer akuten Indikation einen Termin für eine Psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren, sofern Sie eine entsprechende Überweisung mit Dringlichkeitscode vorliegen haben. Diese Sprechstunde und die Überweisung sind die Voraussetzung für eine darauffolgende Behandlung. Im akuten Fall haben Sie zudem Anspruch auf einen definierten Service: Die Terminvergabe darf nicht länger als eine Woche dauern, bei einer psychotherapeutischen Akutbehandlung darf der Termin im Normalfall nicht länger als vier Wochen in der Zukunft liegen. Einen Wunscharzt können Sie sich über die TSS allerdings nicht aussuchen, und Sie müssen damit rechnen, dass der Ihnen zugewiesene Therapeut in einer „zumutbaren“ Entfernung von Ihrem Wohnort praktiziert – das können unter Umständen auch achtzig oder neunzig Kilometer sein. Auch wenn Sie keine Überweisung haben – und es sich folglich nicht um einen akuten Behandlungsanspruch handelt –, erhalten Sie Unterstützung von der TSS. In diesem Fall kann die Vermittlung allerdings bis zu zwölf Wochen dauern. Die beste erste Anlaufstelle ist in jedem Fall die bundesweit gültige Telefonnummer 116117. Dort erwartet Sie zunächst eine freundliche Roboterstimme, die Sie über Ihre Postleitzahl und weitere Eingaben über die Telefontastatur mit dem Patientenservice Ihrer Region verbindet. Zusätzlich sind ein Onlineservice und eine App verfügbar; die Links finden Sie unterhalb dieses Artikels. Das Verfahren klingt zunächst etwas kompliziert, daher ist unser Rat: Rufen Sie einfach unter der angegebenen Telefonnummer an und klären Sie dort alles Weitere. Die geschulten Ansprechpartner dort sind gut informiert, lösungsorientiert und hilfsbereit – Sie brauchen also nicht zu zögern.

Digitale oder telefonische Angebote können Therapie ergänzen

Ab auf die Couch? Am bequemsten ist vielleicht die eigene, denn gerade in Pandemie-Zeiten möchten Viele ihre persönlichen Kontakte minimieren oder zumindest steuern. Außerdem punktet eine Behandlung in den eigenen vier Wänden natürlich auch durch eine optimale Barrierefreiheit. Die Digitalisierung macht auch vor der psychologischen Beratung und Betreuung nicht halt (vor einiger Zeit hatten wir Sie bereits auf das Angebot von MentalStark hingewiesen, ein Unternehmen, das psychologische Onlinebetreuung bei unerfülltem Kinderwunsch anbietet). Auch bei Depression und MS bieten erste Anbieter digitale Hilfe: So zeigte etwa eine Studie aus dem Jahr 2015 am Beispiel des Anbieters Deprexis, dass eine psychologische Onlineberatung durchaus einen positiven Effekt auf die Eintrittswahrscheinlichkeit von Depressionen bei MS-Patientinnen und -Patienten haben kann (den Link zur Studie finden Sie unten). Doch auch hier gilt wieder: Nur wenige gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die Kosten, sodass die Übernahme vorab geklärt werden sollte. Eine persönliche Betreuung durch einen ausgebildeten Therapeuten kann eine reine Onlineberatung indes sowieso nicht ersetzen, aber doch zumindest ergänzen. Besser sind telefonische Beratungsgespräche durch professionelle Psychotherapeuten. Viele bieten spätestens seit der Corona-Pandemie zudem Gespräche per Video-Chat an. Die Telefon- und Video-Sprechzeiten werden ebenfalls über die TSS der KV vergeben.

Ist eine Psychotherapie wirklich etwas für mich?

Unabhängig von den vielen fachlichen Gründen für eine Psychotherapie: Gespräche mit einer verständnisvollen, aber emotional unbeteiligten Person können einfach guttun. Und manchmal gibt es auch guten Rat jenseits von psychologischen Kategorien, denn Psychotherapeutinnen und -therapeuten verfügen auch über einen gesunden Menschenverstand und Lebenserfahrung. Aber muss man dafür in eine Therapie? „Beim Seelenklempner ein paar Schrauben im Kopf nachziehen lassen? Brauche ich nicht. Ich habe mein Leben doch im Griff!“ Wenn Sie diesen oder einen ähnlichen Gedanken haben – vergessen Sie ihn! Heute nehmen viele Menschen die Unterstützung von Beratern, Coaches oder Therapeuten in Anspruch, selbst wenn sie vor eher überschaubaren Herausforderungen stehen. Ein Mensch mit einer MS hat jeden Grund dafür, und daran ist nichts verschroben oder schwach. Ganz im Gegenteil: Die Entscheidung für eine Verhaltenstherapie ist ein mutiger und aktiver Schritt hin zu einem Ansatz, sich zukünftig noch besser selbst helfen zu können – und um die Kontrolle über die manchmal widerspenstigen Emotionen zu übernehmen.