Kinderwunsch und Multiple Sklerose: Vorbereitung ist alles! (Video)

Die kleinen süßen Füßchen; die großen neugierigen Augen; das quirlige Leben, das mit einem Kind in die heimischen vier Wände einzieht – der eigene Nachwuchs ist für Viele die vielleicht wichtigste emotionale Entscheidung ihres Lebens. Doch besonders Menschen mit MS verspüren neben Vorfreude oft auch Ängste: Haben Schwanger- und Mutterschaft Auswirkungen auf die Entwicklung der Erkrankung? Kann ich die Herausforderungen der Elternschaft meistern? Und gibt es möglicherweise Risiken für den Nachwuchs? Um es direkt klarzustellen: Nichts spricht gegen einen Kinderwunsch bei vorhandener MS-Erkrankung – Sie sollten sich nur gut vorbereiten. Wir klären für Sie die wichtigsten Fragen. Im Video beleuchtet Psychotherapeutin Sally Schulze zudem, wie sich Kinderwunsch und MS psychologisch vereinbaren lassen.


Wirkt sich MS auf die Fruchtbarkeit aus?

Die gute Nachricht: Eine MS-Erkrankung schränkt die Fruchtbarkeit nicht ein – weder bei Männern noch bei Frauen. Dennoch haben MS-Patientinnen im Durchschnitt weniger Kinder als gesunder Frauen. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar, allerdings scheint eine sehr starke Krankheitsaktivität zeitweise zu Abweichungen bei der Menge an Sexualhormonen zu führen. Dies könnte die Fruchtbarkeit zeitweise einschränken. Hier kommt es also möglicherweise auf den Zeitpunkt an. Grundsätzlich können Menschen mit MS aber genauso leicht Kinder bekommen wie gesunde Menschen, soll heißen: mit denselben Chancen, Risiken und Herausforderungen.

Kann eine Kinderwunschbehandlung Schübe auslösen?

Während einer Kinderwunschbehandlung werden Medikamente eingesetzt, die Einfluss auf die Fruchtbarkeitshormone nehmen sollen. Besonders bei Frauen, die eine laufende MS-Therapie früh abgebrochen haben bzw. solche, die noch nie eine Therapie erhalten haben, kann es bei einer Kinderwunschbehandlung zu einem Schub kommen – vor allem, wenn es trotz Behandlung nicht zur Schwangerschaft kommt. Dies legen Studien zumindest nahe. Nach einer erfolgreichen Stimulationstherapie hingegen ist das Schubrisiko minimal. Es kann daher ratsam sein, die MS-Therapie nicht während der Kinderwunschbehandlung abzusetzen, sondern erst nach einem positiven Schwangerschaftstest. Welche Art der hormonellen Behandlung im individuellen Fall sinnvoll und möglichst risikoarm ist, sollten Sie mit Ihrem Reproduktionsmediziner und Ihrem Neurologen besprechen.

Muss ich in der Schwangerschaft die MS-Thearpie unterbrechen?

Einige Medikamente, die in der immunmodulatorischen Therapie eingesetzt werden, können sich negativ auf das Baby auswirken. Wenn ein Kinderwunsch besteht, müssen diese Medikamente also rechtzeitig abgesetzt werden. Wichtig ist dabei: Einige Medikamente benötigen mehrere Monate, bis sie komplett aus dem Körper ausgeschieden sind. Um einen Kinderwunsch zu verwirklichen, sollten Sie daher frühzeitig das Gespräch mit dem behandelnden Neurologen suchen, um die laufenden Therapien entsprechend anzupassen und auf alternative Medikamente umzusteigen. Dies gilt auch für Männer mit MS. Falls eine Therapie trotz eines aktiven Krankheitsgeschehens komplett unterbrochen werden muss, sollte sie möglichst kurzfristig nach der Entbindung wieder aufgenommen werden, um das Schubrisiko zu reduzieren. Unabhängig davon, ob gesund oder mit MS-Erkrankung: Frauen sollten bereits während der Planung ihrer Schwangerschaft anfangen, Folsäure einzunehmen – bestenfalls drei Monate zuvor.

Kann eine Schwangerschaft MS-Schübe auslösen?

Im Laufe der Schwangerschaft scheint sich sogar ein Schutzsystem gegen Krankheitsschübe zu bilden. Viele Frauen berichten von einer abnehmenden Schubrate. Diese sinkt im letzten Schwangerschaftsdrittel sogar um bis zu 80 Prozent – das ist mehr als mit Medikamenten erreicht werden kann. Wie stark Schübe während der Schwangerschaft auftreten, hängt auch davon ab, wie aktiv die Krankheit vor der Schwangerschaft war. Daher sollte insbesondere bei einer hochaktiven MS die Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen gesucht werden. Auch nach der Schwangerschaft nimmt die Schubrate in den meisten Fällen nicht zu.

Müssen MS-Patientinnen etwas bei der Geburt beachten?

Bei der Geburt gibt es keine wesentlichen Unterschiede zu einer gesunden Frau, die entbindet. Für Frauen mit MS sind alle Geburtsverläufe möglich. Spontangeburt ist nicht durch die MS ausgeschlossen oder eingeschränkt. Die Krankheitsentwicklung nach der Geburt ist zudem vollkommen unabhängig von der Art der Entbindung. Ein Kaiserschnitt ist also nicht notwendig, sofern keine anderen medizinischen Gründe dafürsprechen. Auch die Schmerzbehandlung hat keinen Einfluss auf die Erkrankung: Weder die Periduralanästhesie (PDA) noch die Spinalanästhesie oder gar eine Vollnarkose haben einen Einfluss auf das Schubgeschehen. Frauen mit einer MS können frei entscheiden, wie sie entbinden möchten und welche Art der Anästhesie sie nutzen wollen.

Kann ich als Mutter mit MS stillen?

Muttermilch ist die beste Ernährung für ein Baby, und Stillen hat grundsätzlich erstmal keine Auswirkungen auf die Schubrate. Allerdings gilt dies für Frauen, die ihre MS-Therapie während der Schwangerschaft pausiert haben und bei denen keine starke Schubaktivität auftritt. Bis auf Beta-Interferone sind Medikamente während der Stillzeit in Deutschland nämlich nicht zugelassen. Die Entscheidung während einer MS Therapie zu stillen, sollte nur nach intensiver Risiko-Nutzen-Abwägung nach Absprache mit den Ärzten erfolgen. Dabei ist das potentielle Risiko für den Säugling ebenso zu berücksichtigen wie das Risiko eines schweren Schubes. Frauen mit hoher Krankheitsaktivität in und vor der Schwangerschaft wird eine zügige Wiederaufnahme der MS Therapie in den ersten zwei Wochen nach der Geburt empfohlen.

Kann ich MS an mein Kind vererben?

Trotz intensiver Forschung auf diesem Gebiet, sind die Ursachen der MS noch nicht vollständig geklärt. Als gesichert gilt allerdings, dass erbliche Faktoren höchstens einen sehr geringen Einfluss auf die Eintrittswahrscheinlichkeit der Erkrankung haben. Dennoch kommt es bei einigen Betroffenen zu einer Häufung der Erkrankung innerhalb der Familie. Das Risiko für die Kinder, auch an MS zu erkranken, steigt in diesem Fall um drei Prozent gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt. Es wird also lediglich eine erhöhte Veranlagung weitervererbt. Einige Krankenhäuser bieten eine genetische Beratung an. Auch wenn es sich bei MS also nicht um eine Erbkrankheit handelt, kann ein Beratungsgespräch dabei helfen, Zweifel auszuräumen.

Kann ich als MS-Patientin meinem Kind gerecht werden?

Mit dem Kinderwunsch geht häufig die elterliche Sorge einher, dem eigenen Anspruch an eine erfolgreiche Elternschaft nicht gerecht werden zu können. Kann ich meinem Kind all das bieten, was es für eine optimale Entwicklung benötigt? Kann ich es beschützen und als Vorbild auf das Leben vorbereiten? Diese Sorgen sind vollkommen normal – Menschen mit einer MS Erkrankung verspüren sie in besonderem Maße. Schließlich geht die Erkrankung oft mit Symptomen einher, die Einfluss auf die körperliche oder mentale Leistungsfähigkeit haben. Doch um ein Vorbild zu sein, muss man weder einen Marathon laufen noch einen Berg besteigen können. Alle Menschen, ob krank oder gesund, können gute Eltern sein, wenn sie ihre Kinder lieben und ihnen zeigen, dass das Leben schön ist und dass sich alle Herausforderungen bewältigen lassen. Besonders für MS-Patientinnen und -Patienten lohnt es sich trotzdem, frühzeitig ein Netzwerk aus Unterstützern aufzubauen. Das können Freunde oder Verwandte sein, die im Alltag aushelfen. Auch der Kontakt zu anderen jungen Eltern kann hilfreich sein, um sich über Probleme und deren Lösungen auszutauschen. Initiativen wie „Plan Baby bei MS“ der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) runden das Unterstützungsangebot ab.