Studie: Das Darmmikrobiom könnte Einfluss auf die Auftrittswahrscheinlichkeit von MS haben

Die genauen Ursachen von MS sind bisher noch nicht geklärt. Einem Team deutscher und amerikanischer Forscher ist es nun allerdings erstmals gelungen, nachzuweisen, dass auch das Darmmikrobiom ein bestimmender Faktor für die Ausprägung einer MS-Erkrankung sein könnte – neben anderen auslösenden Faktoren wie etwa der genetischen Veranlagung. Auch wenn dies bisher erst im Mausversuch nachgewiesen wurde: Die Studie liefert erste Hinweise, dass wir zukünftig über die Ernährung in den Verlauf von komplexen Erkrankungen wie der MS eingreifen können.


Ein Wissenschaftler schaut durch ein Mikroskop

Erhöhen bestimmte Darmbakterien das Risiko einer MS-Erkrankung?

Die Forscher untersuchten dazu Mäuse mit einer spezifischen genetischen Veranlagung, die dazu führt, dass sie besonders häufig von MS betroffen sind. Diese verglichen sie mit Mäusen, die weniger bis gar nicht dazu neigten, an MS zu erkranken. Dabei wurde auch das Darmmikrobiom der unterschiedlichen Mausarten verglichen, also die Gesamtheit aller im Darm lebenden Bakterien. Es zeigte sich, dass bei den Mäusen mit MS-Veranlagung eine Bakterienart, nämlich Lactobacillus reuteri, besonders häufig auftrat. Als nächstes untersuchten die Wissenschaftler, ob das vermehrte Auftreten dieser Bakterien Teil der genetischen Veranlagung der Mäuse ist oder ob die Bakterien selbst der MS-Erkrankung Vorschub leisten, also: ob eine Kausalität oder nur eine Korrelation vorliegt. Um dies zu testen, setzten sie Mäusen gezielt Lactobazillus reuteri in den Darm ein. Eine Vergleichsgruppe der Mäuse erhielt Proben ohne dieses Bakterium. Tatsächlich entwickelten diejenigen Mäuse, deren Mikrobiom nun einen höheren Anteil des Lactobazillus reuteri aufwies, in größerer Zahl eine MS-Erkrankung, als die der Vergleichsgruppe. Damit konnte erstmals nachgewiesen werden, dass die Zusammensetzung Darmbakterien einen Einfluss auf die Ausprägung einer MS-Erkrankung hat.

Ernährung beeinflusst das Darmmikrobiom

Bemerkenswert an dieser Studie ist auch, dass damit auch die Rolle der Ernährung bei einer komplexen Erkrankung wie der MS in den Fokus gerückt wird. Denn letztlich ist es die Ernährung, die die Zusammensetzung des Darmmikrobioms beeinflusst. Die Forscher zeigten sich allerdings auch überrascht, welchen Verantwortlichen sie für die Ausprägung der Erkrankung gefunden hatten. „Aufgrund seines positiven Einflusses auf die Verdauung wird Lactobazillus reuteri häufig als Probiotikum verwendet. In unserer Studie ist überraschenderweise gerade dieses Bakterium der ‘bad guy‘”, sagt der leitende Bioinformatiker der Studie, Dr. Axel Künstner in einer Veröffentlichung des an der Studie beteiligten Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“. Das zeigte, welche wichtige Rolle die Ernährung spielen könnte: „Unsere Beobachtungen machen deutlich, wie wichtig es ist, neben der Genetik auch andere Faktoren wie etwa das Darmmikrobiom und die Ernährung für die Entstehung und den Verlauf von komplexen Erkrankungen wie MS zu berücksichtigen“ so Künstner weiter.

Was bedeutet die Studie für Betroffene?

Ergebnisse aus Laborversuchen mit Mäusen sind grundsätzlich nicht auf den Menschen übertragbar. Und dass die Ernährung ein wichtiger Faktor für den täglichen Umgang mit ihrer Erkrankung ist, war für alle Betroffenen sowieso klar. Wie bei vielen aktuellen Studien rund um das Thema MS gilt also auch hier: Der Weg von Studienergebnissen bis hin zu Therapien, die Menschen mit MS tatsächlich helfen, ist weit. Dennoch: Die Studie hat dem komplexen Mosaik der Ursachenforschung einen weiteren Stein hinzugefügt – und das Gesamtbild wird für die Forscher damit immer klarer.