Schlafstörungen bei Multipler Sklerose: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.

Der Wecker klingelt und es fühlt sich an, als würde sich der scharfe Ton brutal mitten durchs Gehirn sägen. Kein Wunder, wenn man nachts stundenlang wach liegt und grübelt oder sich aus anderen Gründen hin und her wälzt. Viele MS-Patienten kennen Schlafstörungen in mehr oder weniger starken Ausprägungen. Gut die Hälfte der Betroffenen fühlt sich morgens nicht ausreichend erholt – und jeder weiß: Schlechter Schlaf kann einen wirklich fertigmachen. Mehr noch: Schlafmangel kostet Lebensqualität, und er kann Symptome wie die Fatigue auslösen oder verschlimmern.

Schlafstörungen haben einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität - vor allem für Menschen mit Multipler Sklerose.
Schlafstörungen haben einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität – vor allem für Menschen mit Multipler Sklerose.

Ab wann handelt es sich um eine Schlafstörung?

Wie viel Schlaf Sie benötigen, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Deshalb ist es nicht entscheidend, wie lange sie schlafen, sondern wie erholt Sie sich nach dem Schlaf fühlen. Mehr zu schlafen, ist also nicht unbedingt die Lösung, denn zu viel Schlaf kann eine chronische Müdigkeit sogar noch verschlimmern. Die Ursachen für Schlafstörungen sind vielschichtig, ebenso wie die Symptome: Handelt es sich um Probleme beim Einschlafen oder beim Durchschlafen? Ist das Problem die Schlafmenge oder die Schlafqualität? In den folgenden Abschnitten haben wir die häufigsten Ursachen, Symptome und Lösungsansätze von Schlafstörungen bei MS-Patienten für Sie zusammengestellt. Die am häufigsten diagnostizierte Form der Schlafstörung bei Multipler Sklerose ist allerdings die sogenannte primäre Insomnie. Diese ist nicht direkt eine Folge der MS, denn unter ihr leiden ungefähr genauso viele Menschen, die keine chronische Krankheit haben. Sie beruht also auf keiner erkennbaren Erkrankung – und hat folglich auch nichts mit der MS-Diagnose zu tun.

Schlafstörungen als Symptom der Multiplen Sklerose

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie schreibt in ihrem Leitlinien-Dokument „Isomnie bei neurologischen Erkrankungen“, dass zwischen 25 und 55 Prozent der Patienten mit Multipler Sklerose unter Schlafstörungen leiden. Schlafmediziner unterscheiden rund 80 unterschiedliche Formen von Schlafstörungen, aber direkt in Verbindung mit dem Schubgeschehen der Multiplen Sklerose stehen nur zwei, die zudem sehr selten auftreten: Die Narkolepsie und die REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Wenn diese Formen erst mit der MS-Erkrankung auftreten, kann dies unter bestimmten Umständen als Indikator für die Notwendigkeit einer Schubtherapie gewertet werden. Der Grund: Bei beiden vermuten Forscher, dass Läsionen im zentralen Nervensystem an der Entstehung beteiligt sein könnten. Klarheit darüber können sich Betroffene durch die Untersuchung beim Neurologen verschaffen, der dann auch ein geeignetes Therapiekonzept vorschlagen kann.

Therapie als Ursache von Schlafstörung bei Multipler Sklerose?

Vor allem im Rahmen einer Corticosteroid-Therapie können Schlafstörungen häufig auftreten, da das Hormon den Melatoninspiegel beeinflussen kann. In einer kleineren Studie konnten Forscher im Tiermodell nachweisen, dass der Melatonin-Serumspiegel unmittelbar nach einer Steroid-Pulstherapie erniedrigt ist. Dieser niedrige Melatonin-Spiegel ist eine mögliche Ursache Schlafstörungen, denn das Hormon hat einen wichtigen Einfluss bei der Regulation des menschlichen Wach-Schlaf-Rhythmus. Nahrungsergänzungsmittel mit dem körpereigenen Botenstoff können folglich Abhilfe schaffen. Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen. Das bestätigen die Empfehlungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die feststellt: Die positive Wirkung stellt sich ein, wenn kurz vor dem Schlafengehen 1 Milligramm Melatonin aufgenommen wird. In einer Kontrollstudie mit 102 MS- Patienten wurde sogar ein positiver Effekt von 5mg Melatonin auf eine zuvor bestehende Insomnie festgestellt. Vor der Einnahme entsprechender Produkte sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen, um zu erörtern, ob Melatonin als mögliche Behandlungsmöglichkeit eingesetzt werden sollte.

Schmerzen und Spastiken: Wie soll man dabei schlafen?

Alle Erkrankungen, die mit Schmerzen verbunden sind, stören die Nachtruhe. Schmerzen hindern die Betroffenen nicht nur beim Einschlafen, sie wecken sie auch nachts oder sie verhindern einen tiefen erholsamen Schlaf. Bei MS-Patienten können Schmerzen vor allem in Verbindung mit Spastiken auftreten, also mit Muskelkrämpfen und einer erhöhten Muskelspannung. Schmerzen können aber auch auftreten, wenn Nervenfasern, die Schmerzimpulse leiten, beschädigt oder außergewöhnlich erregt sind. Um eine Lösung für starke und häufig auftretende Schmerzen zu finden, muss ein Arzt zunächst also die genauen Ursachen feststellen. Mit den individuellen Behandlungsmöglichkeiten dieser Schmerzen lassen sich ganze Bibliotheken füllen; sie reichen von Antispastika über gezielte Bewegungstherapien oder Diäten bis hin zu konventionellen Schmerzmitteln.

Entscheidend für guten Schlaf ist nicht unbedingt die Dauer sondern auch die Qualität
Entscheidend für guten Schlaf ist nicht unbedingt die Dauer sondern auch die Qualität

Depression als Ursache für Schlafstörungen: Wann sind Medikamente sinnvoll?

Depressionen sind eine häufige Begleiterkrankung bei Menschen mit Multipler Sklerose. Doch auch weniger starke psychische Belastungen können einem den Schlaf rauben – schließlich hat die Diagnose MS einen erheblichen Einfluss auf das Leben der Betroffenen. Helfen können bei erheblichen Beschwerden unter Umständen Psychopharmaka. Wenn Sie seit längerer Zeit solche Belastung verspüren, sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, solche Medikamente sinnvoll für Sie sind. Am häufigsten verordnen Ärzte Benzodiazepine, Nichtbenzodiazepin-Hypnotika und Antidepressiva. Allerdings stehen manche Antidepressiva im Verdacht, selbst Schlafstörungen hervorzurufen – der Nutzen bei mangelnder Schlafqualität kann also sehr begrenzt sein, ganz unabhängig von sonstigen unerwünschten Nebenwirkungen.

Kognitive Verhaltenstherapie gegen Schlafstörungen: Wenn der Kopf rast

Eine sinnvolle Alternative zu Psychopharmaka bietet die kognitive Verhaltenstherapie gegen Schlafstörungen (lesen Sie auch unseren allgemeinen Artikel über Verhaltenstherapie für MS-Patienten). Studien zeigen, dass dieser Ansatz gute Ergebnisse erzielt, wenn keine erheblichen körperlichen Ursachen für die Ein- oder Durchschlafstörungen vorliegen: Die Psychotherapie ist trotz kurzer Behandlungsdauer oft ebenso wirksam wie eine medikamentöse Therapie. Ein Ziel dieses Ansatzes kann es sein, bestimmte Verhaltensweisen herauszuarbeiten, um eine sogenannte Schlafgygiene aufzubauen. Gemeint sind damit oft einfache Dinge wie falsche Schlafzeiten (Mittagsschläfchen) oder Umweltfaktoren (zu viel Licht). Auch Meditation oder anderen Entspannungsverfahren können in der Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen, um die Kontrolle über die körperlichen Vorgänge beim Einschlafen zu verbessern. Helfen kann auch die Schlafrestriktion, mit der der Schlaf-Wach-Rhythmus zurückgesetzt werden kann: Indem Schlafenszeiten und -dauer festgelegt und teilweise verkürzt werden, verbringen die Betroffenen weniger schlaffreie Zeit im Bett. Das längere Wachsein erhöht die Müdigkeit und verkürzt die Einschlafzeit. Hinzu kommen kognitive Techniken, mit deren Hilfe schlafverhindernde Gedanken unterdrückt werden sollen, denn neben Verhaltensweisen und -gewohnheiten verhindern auch bestimmte Kognitionen und Denkmuster das Ein- und Durchschlafen. Mit ablenkenden Techniken wie dem Gedankenstopp können so beispielsweise Grübelkreisläufe in der Nacht durchbrochen werden. Aufgrund der großen Nachfrage sind Therapieplätze allerdings knapp. Hilfe versprechen daher auch Apps, die die Nutzer dabei unterstützen, mit schlafhindernden Gedanken umzugehen oder mittels Entspannungstechniken einen schlafförderlichen Zustand zu erreichen. Die App „Somnio“ beispielweise bietet evidenzbasierte und leitlinienkonforme Inhalte aus dem Bereich der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie – und sie ist vom Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte als Leistungsbestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung zugelassen.

Pflanzliche Helfer und Hausmittel gegen innere Unruhe

Es braucht nicht immer gleich Medikamente oder Therapien, wenn Sie eine innere Unruhe verspüren oder die Gedanken kreisen und Sie vom Schlaf abhalten. Vorübergehende und leichte Schlafstörungen lassen sich oft auch schon mit Hausmitteln beheben – denn auch ohne wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit jedes einzelnen Hausmittels tun wir uns damit etwas Gutes. Die beliebte heiße Milch mit Honig enthält beispielsweise die Aminosäure Tryptophan, die in das Antistresshormon Serotonin umgewandelt wird. Der Anteil der Aminosäure ist allerdings sehr gering, doch allein der Geschmack weckt bei dem einen oder anderen die beruhigende Erinnerungen an die Kindheit. Auch viele Pflanzen werden seit Jahrhunderten verwendet, um die nötige Ruhe für den Schlaf zu finden. Viele vertrauen etwa auf die schlaffördernde oder beruhigende Wirkung von Tees mit Hopfen, Baldrian, Lavendel oder Zitronenmelisse. Viele der wertvollen Pflanzen sind auch als Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten, oft in Kombination mit Nährstoffen wir Magnesium, Biotin oder Vitamin B6, die ihrerseits zu einer normalen psychischen Funktion beitragen.

Eine heiße Milch mit Honig wirkt manchmal Wunder - schon auftrund der Erinnerungen an die Kindheit
Eine heiße Milch mit Honig wirkt manchmal Wunder – schon auftrund der Erinnerungen an die Kindheit

Wenn die Blase nachts drückt

Einer der häufigsten Gründe für Schlaflosigkeit ist der nächtliche Gang zur Toilette. Ursache sind mein MS-Patienten normalerweise neurogene Blasenstörungen, bei denen die Funktion der Nervenbahnen geschädigt ist, die die Blasenaktivität steuern. Dies kann zu erhöhtem Harndrang, Entleerungsproblemen und Inkontinenz führen – oder auch zu Komplikationen wie Nierensteinbildung oder Harnwegsinfektionen. Sollen Sie unter diesen Symptomen leiden, sollten Sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen: neurogene Blasenstörungen erfordern einen interdisziplinären Ansatz – der Therapieplan wird daher meist in Zusammenarbeit von Neurologen und Urologen erstellt. Zur Verfügung stehen dabei zahlreiche therapeutische Ansätze, von operativen Eingriffen über Hilfsmittel wie Blasenkatheter bis hin zu Medikamenten. Bei eher milden Symptomen können Sie sich aber auch selbst helfen: Bei einer überaktiven Blase ist etwa die Kontrolle der Trink- und Urinmenge über ein so genanntes Miktionstagebuch sinnvoll. Gleichzeitig können Sie in diesem Fall die Trinkmenge um etwa 25 Prozent reduzieren, sofern der Körper dennoch ausreichend Flüssigkeit erhält – also mindestens einen Liter. Beckenbodengymnastik kann zur Stärkung der Muskulatur beitragen, sodass Sie eine bessere Kontrolle über die Blasenentleerung haben. Bei Blasen- und Harnwegsinfektionen stehen neben den bekannten Hausmitteln Nahrungsergänzungsmitteln mit Pflanzenextrakten und anderen Inhaltsstoffen zur Verfügung.

Beine mit Eigenleben: Restless-Legs-Syndrom

Ein häufig auftretendes Symptom der Multiplen Sklerose ist mit zunehmender Krankheitsdauer das Restless-Legs-Syndrom (RLS), also übersetzt das Syndrom der „unruhigen Beine“. Das Gemeine daran: Je mehr sich die Betroffenen bemühen, zur Ruhe zu kommen, desto größer wird der Drang, die Extremitäten zu Bewegen. Der Bewegungsdran kann regelrecht quälend werden; die Betroffenen verspüren darüber hinaus oft ein unangenehmes Ziehen oder Kribbeln in den Beinen, als ob Ameisen oder Schnecken über sie laufen. Die Ursachen für das RLS sind noch nicht abschließend geklärt, belegt ist aber, dass MS-Patienten bis zu viermal häufiger darunter leiden als der Bevölkerungsdurchschnitt – nämlich bis zu 19 Prozent. Forscher vermuten, dass Schäden am Rückenmark oder Nebenwirkungen von Medikamenten schuld am Eigenleben der Beine sind. Betroffene sollten sich mit ihrem Neurologen über mögliche Behandlungsansätze austauschen. Zur Verfügung stehen dabei beispielsweise Arzneistoffe aus der Gruppe der Dopamin-Antagonisten. Um sich selbst zu helfen, sollten Betroffene möglichst auf Alkohol und Zigaretten, weil beide im Verdacht stehen, das RLS zu verstärken.

Schlafmedizinische Untersuchung: Ursachen für Schlafmangel ergründen

Nicht immer lassen sich die Ursachen für eine schlechte Schlafqualität so einfach ergründen. Viele Betroffene liegen nachts wach, auch ganz ohne psychische Probleme, Schmerzen oder Harndrang. Woran liegt es also? Die Antwort kann eine schlafmedizinische Untersuchung (Polysomnographie) in einem Schlaflabor geben. Ob die Übernachtung in einem solchen Labor individuell sinnvoll ist, sollte im ärztlichen Gespräch geklärt werden – am besten mit einem Spezialisten für Schlafmedizin. Bei der Untersuchung werden zahlreiche Messwerte erhoben, unter anderem Hirnströme, Augen- und Beinbewegungen, Sauerstoffgehalt im Blut oder die Herzfrequenz. Um weitere Auffälligkeiten zu finden und in die Analyse mit einzubeziehen, werden Patienten im Schlaflabor zudem mit einer Infrarot-Videokamera und einem Mikrofon überwacht. Aus den Ergebnissen können die Experten weitere Ursachen für Schlafstörungen ableiten und geeignete Therapien vorschlagen.

Auswirkungen von schlechtem Schlaf auf die Multiple Sklerose

Schlafstörungen sind nicht nur Begleiterscheinung von Multipler Sklerose oder von den damit verbundenen Therapien – sie sind auch ein möglicher Risikofaktor. Mediziner nennen das Prodromalsymptom: Bei einer Studie mit über 10.000 MS-Patienten wurde mehrere Symptome identifiziert, die bis zu zehn Jahr vor dem Auftreten der eigentlichen MS dokumentiert werden konnten, darunter verschiedene Arten von Darm- oder Magenstörungen. Und auch Insomnie ist eines der Prodromalsymptome. Schlafstörungen können der MS-Diagnose tatsächlich bis zu 10 Jahr vorausgehen. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass die Einbeziehung dieser Symptome in das diagnostische Verfahren sogar helfen kann, die Krankheit früher zu erkennen.

Selbsttest: Leide ich unter Schlafstörungen?

Ob eine Schlafstörung vorliegt, kann verlässlich nur von einem Arzt festgestellt werden. Einige Faktoren können Sie jedoch bei sich selbst beobachten, um zu entscheiden, ob der Weg zum Mediziner sinnvoll ist. Wenn eine oder mehrere dieser Aussagen auf Sie zutreffen, könnte unter Umständen eine Schlafstörung vorliegen:

  • Ich fühle mich tagsüber trotz normaler Schlafzeiten häufig müde, unkonzentriert und lustlos.
  • Ich mache mir schon vor oder beim Zubettgehen intensiv Sorgen, ob ich überhaupt einschlafen kann.
  • Ich kann regelmäßig mehrmals pro Woche abends nicht gut einschlafen und liege lange wach.
  • Ich greife regelmäßig zu Schlafmitteln, damit ich ein- und durchschlafen kann.
  • Mir wurde gesagt, dass ich nachts häufig schnarche oder Atemaussetzer habe.
  • Wenn ich mitten in der Nacht wach werde, finde ich meistens nicht wieder zurück in den Schlaf.

Sofern Sie eine oder mehrere dieser Aussagen zutreffend für sich finden, kann Ihr Hausarzt Ihnen weiterhelfen und gegebenenfalls an einen Experten weiterleiten.

Externe Quellen

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