Nervennahrung: Ernährung bei Multipler Sklerose

Die Multiplen Sklerose ist eine Krankheit, die an die Nerven geht – und zwar im ganz wörtlichen Sinne: Die körpereigene Immunabwehr wendet sich gegen die eigenen Nervenfasern. Mit Medikamenten lässt sich der Prozess verzögern, doch auch durch die richtige Ernährung können Betroffene ihre Nerven schonen.


Frau würzt ein Fischgericht für eine gesunde Ernährung bei Multipler Sklerose

Der Angriff auf die eigenen Nervenzellen

MS wird auch die Krankheit mit den Tausend Gesichtern genannt, da sie unzählige unterschiedliche Symptome und Verlaufsformen aufzeigt. Einzige Gemeinsamkeit der Tausend Gesichter ist, dass das eigene Immunsystem die Nervenzellen von Gehirn und Rückenmark angreift. Genauer gesagt: die Myelinscheide der Nervenzellen. Dabei handelt es sich um eine Fettschicht, die die Nervenzellen elektrisch isoliert. Fehlt sie, findet die Signalübertragung nur noch unzureichend statt. Die medikamentöse Behandlung der Krankheit setzt genau hier an: Einerseits sollen entzündungshemmende Präparate wie Cortison die Ausbreitung der Entmarkungsherde eindämmen, andererseits soll das Immunsystem daran gehindert werden, das eigene Myelin anzugreifen, das es für einen Fremdkörper hält.

Welche Fette sind günstig bei MS?

Die Welt der Fette ist kompliziert: Beliebt sind sie bei gesundheitsbewussten Menschen meist nicht, doch sie werden gebraucht – besonders bei MS. Der Grund: Die Myelinscheide besteht zu etwa 70 Prozent aus Lipiden, also Fettmolekülen, und der Körper muss ausreichend mit Fett versorgt werden, damit Nervenzellen richtig funktionieren können. Man unterscheidet zwischen gesättigten, einfach ungesättigten und mehrfach ungesättigten Fetten. Fette bestehen aus unterschiedlich langen Ketten von Kohlenstoffatomen. Sind die Kohlenstoffatome mit so genannten Einfachbindungen fest miteinander verbunden, spricht man von gesättigten Fetten. Demgegenüber stehen ungesättigte Fettsäuren in zwei Varianten: Einfach ungesättigte Fette enthalten eine, mehrfach ungesättigte Fette enthalten mehrere der weniger stabilen Doppelbindungen. Liegt die Doppelbindung zwischen dem neunten und dem zehnten Kohlenstoffatom, handelt es sich um eine Omega-9 Fettsäure, hinter dem sechsten Atom um eine Omega-6 Fettsäure usw. Wozu dieser Ausflug in die Nomenklatur der Fette? Omega-6 Fettsäuren – zu finden vor allem in Fleisch und Wurstwaren – sind an der Bildung von Arachidonsäure beteiligt, und diese steht im Verdacht, Entzündungen zu fördern. Der Anteil an Omega-6 Fetten in der Nahrung sollte also möglichst geringgehalten werden.

Das richtige Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6

Omega-3 Fettsäure hingegen wird zu Eicosanpentaensäure (EPA) verstoffwechselt. EPA trägt zum Erhalt der normalen Triglycerid-Konzentrationen im Blut bei. Gute Quellen für Omega-3 Fettsäuren sind Leinöl, Rapsöl und Walnussöl aber auch fette Fischsorten wie Makrele oder Lachs. Fischöl kann eine sinnvolle Nahrungsergänzung sein. Auch wenn es naheliegend scheint: Das Ziel ist es nicht, Omega-6 Fettsäuren gänzlich zu vermeiden. Wichtig ist das Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren. Für eine entzündungshemmende Diät wird oft ein Verhältnis von 5:1 empfohlen.

Nervenzellen mit Myelinscheide
Nervenzellen mit Myelinscheide

Chemische Prozesse in Körper

Es bedarf einer ganzen Menge Schritte, bis aus dem Frühstück eine schöne, neue Zellwand entsteht. Im Rahmen dieser Stoffwechselkette, vom Käsebrot bis zur fertigen Lipidschicht, laufen unzählige Reaktionen ab. In der Chemie spricht man von Oxidationen. Dabei entstehen äußerst reaktionsfreudige Moleküle als Zwischenprodukte, die ungewollte Reaktionen auslösen können. Es werden beispielsweise die Zellwände angegriffen oder – chemisch gesprochen – oxidiert.

B-Vitamine gegen Erschöpfung und Fatigue

Die B-Vitamine – Vitamin B1 (Thiamin), Vitamin B2 (Riboflavin), Vitamin B6, Vitamin B12 und Niacin – tragen zur normalen Funktion des Nervensystems bei. Ohne B-Vitamine würde die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen nicht mehr richtig funktionieren. Vitamin B-12 muss über tierische Nahrungsmittel aufgenommen, da es in verwertbaren Mengen ausschließlich dort vorkommt. Getreide, Nüsse, Pilze, Bohnen, Thunfisch sowie Spinat und Kohl sind unter anderem gute Quellen für die übrigen B-Vitamine.

Lebensmittel mit gesunden Fetten für eine Ernährung bei Multipler Sklerose
Lebensmittel mit gesunden Fetten für eine Ernährung bei Multipler Sklerose

Sonnenlicht schützt vor Vitamin D Mangel

Zudem sollte auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D geachtet werden. Vitamin D trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Das fettlösliche Vitamin D muss nicht ausschließlich über die Nahrung zugeführt werden. Bei ausreichender Sonneneinstrahlung auf die Haut, es reichen zehn bis dreißig Minuten täglich in der Sonne, kann es auch vom Körper selbst produziert werden. Viel hilft viel gilt hier allerdings nicht: Sobald mehr Vitamin D entsteht, als durch das Blut abtransportiert werden kann, wird der Überschuss durch weitere Sonneneinstrahlung wieder unwirksam. Der Körper schützt sich so vor einer Überdosis an Vitamin D und wir sollten uns unbedingt vor einem Sonnenbrand und vor Belastungen der Augen durch die Sonne schützen. Ansonsten liefern vor allem Eigelb und Fisch das notwendige Vitamin D.

Wichtige Mineralstoffe und Spurenelemente bei MS

Kalzium und Magnesium sind im Zusammenspiel verantwortlich für die Übertragung von Nervensignalen und Muskelkontraktion. Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei. Calcium hingegen trägt zu einer normalen Signalübertragung zwischen den Nervenzellen bei. Ein Ungleichgewicht im Haushalt der beiden Mineralien kann zu den häufig mit MS einhergehenden Muskelzuckungen führen. Magnesium ist außerdem für die Bildung von Vitamin D notwendig. Alles was grün ist, liefert zuverlässig Magnesium. Ein weiterer Aspekt jenseits der Nerven spielt für MS-Erkrankte eine Rolle: Aufgrund des erhöten Osteoporoserisikos durch die Kortisontherapie ist auch auf eine ausreichende Versorgung mit Kalzium zu achten. Calcium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt.

Zink fördert die Leistungsfähigkeit des Gehirns

Zink trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei. Darüber hinaus spielt es bei der Signalübertragung zwischen den Nervenzellen eine bedeutende Rolle, indem es den Fluss der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen reguliert. Zink trägt so zu einer normalen kognitiven Funktion bei. Bei Patienten mit Hirnerkrankungen – wie zum Beispiel Alzheimer – wurde eine zu geringe Zinkkonzentration festgestellt. Zink hat eine Funktion bei der Zellteilung, zum Beispiel bei Bildung der weißen Blutkörperchen, also der Abwehrzellen des Immunsystems. Es ist also eine echte Wunderwaffe. Meeresfrüchte, Kürbiskerne, Vollkornprodukte und Rindfleisch sind geeignete Quellen für Zink.

Wie groß ist der Einfluss der Ernährung auf die Nervenzellen von MS-Patienten?

Ein genauerer Blick auf die eigenen Ernährungsgewohnheiten lohnt sich. Eine angepasste und ausgewogene Ernährung fördert nicht nur das eigene Wohlbefinden, darüber hinaus lässt sich der Körper aktiv bei der Regeneration unterstützen, da der Körper einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen hat. Gerade die Begleiterkrankungen einer MS, wie Muskelzittern oder Erschöpfung und Fatigue können Mangelerscheinungen sein, durch die eine normale Nervenfunktion verhindert wird. Selbstverständlich können medizinische Therapieansätze durch Ernährung höchstens ergänzt werden, doch einige der Tausend Gesichter der MS können dank Fettsäuren, Zink und Co. möglicherweise öfters wieder lächeln.