Sibirischer Ginseng – Der Siegertyp aus der Taiga

In den Achtziger Jahren sollte er russischen Sportlern als Dopingmittel zum Sieg verhelfen. Ob das funktioniert hat, ist nicht belegt. Doch es wurde seitdem viel geforscht, um dems Sibirischen Ginseng auf die Spur zu kommen. In der traditionellen Chinesischen Medizin ist er als Heilplanze bekannt. Grund genug, sich den Siegertypen näher anzuschauen.


Das Bild zeigt den Sibirischen Ginseng

Kein Kandidat für die Blumenvase

Sibirischer Ginseng ist unter vielen Namen bekannt. In Deutschland wird er üblicherweise als Stachelpanax oder Taigawurzel bezeichnet. Wobei sich Taigawurzel streng genommen nicht auf die ganze Pflanze, sondern die Wurzel, bezieht. Im englischsprachigen Raum heißt er Eleuthero oder eben Sibirian Ginseng. Dabei ist die Pflanze botanisch mit Ginseng nur sehr entfernt verwandt. Die Bezeichnung ist lediglich ein Hinweis darauf, dass sie als Arzneipflanze dem „echten“ Ginsengs ähnlich sein soll. Der botanische Name der Sibirischen Ginsengs lautet Eleutherococcus senticosus, ganz grob übersetzt also „beerentragender Stachelbusch“. Damit ist dann auch schon das Meiste über das Erscheinungsbild des zwei bis sieben Meter hohen Strauches gesagt: Er ist stachelig und trägt Beeren, aber einen Schönheitspreis gewinnt er nicht. Wie der echte Ginseng gehört der Sibirische Ginseng zur großen Familie der Araliengewächse. Beide Pflanzen sind also in etwa so verwandt wie Mensch und Gorilla. Das Ausbreitungsgebiet der Taigawurzel erstreckt sich von Sibirien, über die angrenzenden nördlichen Provinzen Chinas, Nordkorea sowie die Insel Sachalin bis nach Japan.

Die Geschichte der Taigawurzel

Erste schriftliche Erwähnung findet die Taigawurzel in einem Werk der traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) über Heilpflanzen. Der Name des Buches: Shennong Bencaojing. Das Shennong Bencaojing, der ‘Heilkräuterklassiker nach Shennong’, steht in dem Ruf das älteste Buch über Ackerbau und Heipflanzenkunde der Welt zu sein. Verfasser soll der chinesische Urkaiser Shennong gewesen sein, der um 2800 v. Chr. gelebt haben soll und bis heute sowohl den Han-Chinesen als auch den Vietnamesen als mythologischer Urahn gilt. Zunächst mündlich überliefert, soll das dreiteilige Werk zwischen 300 v. Chr. bis 200 n. Chr. niedergeschrieben worden sein. Die Forschung ist sich da uneins, denn dieser Text ist nicht mehr im Original erhalten. In Russland wurde sie erst in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts populär. Auf der Suche nach einer Alternative für den damals sehr teuren koreanischen Ginseng wurden einige Studien zur Taigawurzel in Auftrag gegeben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Eleutherococcus in ihrer Monographie über ausgewählte Arzneipflanzen als anerkannte Heilpflanze der traditionellen Medizin. 

Ein Tisch voller Kräuter aus der Traditionellen Chinesischen Medizin

Wie entsteht Stress?

Stress bedeutet für den Körper, auf eine ungewohnte Situation reagieren zu müssen. So einfach ist das. Alles was neu oder ungewohnt ist, bedeutet erstmal Stress. Die Auslöser reichen von der einfachen Begegnung mit einem fremden Menschen über mentale Herausforderungen – wie anstehende Prüfungen oder olympische Wettkämpfe – bis zu Extremsituationen wie Unfälle oder Raketenstarts. Verletzungen und Krankheiten sind ebenso Stressoren, also Stressauslöser.

Ein gestresster Mann hält sich die Hand vor das Gesicht

Phasen von Stress

Die Reaktion auf Stress beginnt mit der Alarmphase. Der Körper bereitet sich darauf vor, alle Leistungsreserven bereit zu stellen, indem Stresshormone ausgeschüttet werden. Dadurch erhöht sich die Herzfrequenz, um Muskulatur und Gehirn ausreichend mit Sauerstoff und Energie zu versorgen. Man ist maximal aufmerksam und leistungsbereit. In der darauf folgenden Adaptionsphase, also Anpassungsphase, wird angemessen auf die tatsächliche Bedrohung reagiert. Die einfachsten Urreflexe sind Flucht oder Angriff. Die bereitgestellte Leistung kann abgerufen werden, die Widerstandskräfte werden mobilisiert, während gleichzeitig die Stresshormone wieder abgebaut werden. Ist die Gefahrensituation bewältigt, begibt sich der Körper in die Erholungsphase. Die körperlichen und mentalen Funktionen normalisieren sich wieder, die Leistungsreserven werden wieder aufgefüllt.

Über welche Inhaltsstoffe verfügt die Taigawurzel?

Hält die Anpassungsphase jedoch zu lange an, weil die Stresssituation nicht ausreichend gelöst werden kann, oder folgen zu viele Stressreaktionen aufeinander, kann der Körper in die Erschöpfungsphase gelangen. Die Leistungsbereitschaft sinkt unter das Niveau vor der Stressreaktion. Energiereserven können nicht mehr aufgebaut werden, die Folge können Burn-Out oder Fatigue sein. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf die Inhaltsstoffe der Taigawurzel: Sie enthält ein vielfältiges Stoffgemisch, das bisweilen unter dem irreführenden Namen Eleutheroside firmiert, was eine vermeintliche Verwandschaft der Wirkstoffe vorgibt. Vielmehr handelt es sich um ein buntes Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe wie Lignane, Phytosterole, Saponine, Cumarine und Phenylpropanoide. Diese Stoffe dienen der Pflanze unter anderem als Schutz vor Fressfeinden, steuern Wachstumsvorgänge oder sind Bestandteil von Zellwänden.

Der wirksamste Bestandteil des Sibirischen Ginseng ist seine Wurzel die auf diesem Bild zu sehen ist

Wie wird Sibirischer Ginseng verwendet?

Verwendet wird vor allem die Wurzel. Darin liegt auch der Ursprung der Bezeichnung Taigawurzel. Erhältlich ist entweder die getrocknete und in Stücke geschnittene Wurzel oder ein konzentriertes, methanolisches Extrakt. Der wissenschaftliche Name lautet Radix Eleutherococci. Aus den getrockneten Wurzeln kann ein Aufguss zubereitet werden.

Sibirischer Ginseng – Ein Siegertyp für die Langstrecke

Als Arzneipflanze der traditionellen chinesischen Medizin kann der Sibirische Ginseng schon auf eine stattliche Tradition von nahezu 5000 Jahren verweisen, wenn man den Überlieferungen Glauben schenken möchte. Zunächst auf der Suche nach einem kostengünstigeren Ersatz für den Echten Ginseng, entdeckten russische Wissenschaftler schließlich das Potential der Taigawurzel. So ebneten sie den Weg des stachligen Busches bis in westliche Gefilde und zu seiner Anerkennung durch die WHO.