Hat Alkohol einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Multiplen Sklerose?

Eine aktuelle Studie der Universität Erlangen deckt Indizien dafür auf, dass moderater Alkoholkonsum die Auswirkungen einer MS-Erkrankung lindern kann. Ist das jetzt ein Grund die Korken knallen zu lassen? Die ernüchternde Antwort darauf: Ja – sofern sie eine Maus sind. Trotzdem lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Studie zu werfen, der sich sogar das renommierte Wissenschaftsmagazin Nature gewidmet hat.


Eine Frau sitzt an einem Tisch vor drei Gläsern Wein

Alkohol zeigt lindernde Wirkung bei rheumatischer Arthritis – im Mausmodell

Tatsächlich wurde schon in früheren Studien festgestellt, dass Alkoholkonsum einen positiven Effekt auf den Verlauf der Entzündungsschübe bei rheumatischer Arthritis (RA) haben kann. Bei RA handelt es sich, wie auch bei MS, um eine Autoimmunerkrankung. Der Mechanismus hinter dem beobachteten, entzündungshemmenden Effekt blieb bisher jedoch rätselhaft. Zumal Alkohol sonst nicht gerade für seine gesundheitsfördernde Wirkung bekannt ist. Die Wissenschaftler der Universität Erlangen stellten sich nun der Herausforderung, dieses Rätsel zu lösen. Sie verabreichten Mäusen mit rheumatischer Arthritis über einen längeren Zeitraum Alkohol mit dem Trinkwasser. Nach 42 Tagen zeigten die Mäuse im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die keinen Alkohol erhielt, einen signifikanten Rückgang der Symptome der Arthritis. Diese Beobachtung konnte auch bei einem Modell, das zur Untersuchung der Multiplen Sklerose dient, gemacht werden.

Acetat hemmt die Entzündungsreaktion

Der Erlanger Forschern zufolge zeichnet Alkohol – und insbesondere dessen Stoffwechselprodukt Acetat – für diesen Effekt verantwortlich. Acetat ist eine Verbindung der Essigsäure, einer kurzkettigen Fettsäure. Acetat entsteht nicht nur bei der Verarbeitung von Alkohol, sondern auch durch die Verdauung von Ballaststoffen. Mit aufwändigen mikrobiologischen Untersuchungen konnten die Forscher nachweisen, dass Acetat einen bestimmten Zelltyp, die follikulären T-Helferzellen, so verändert, dass in der Folge weniger Antikörper hergestellt werden. Weniger Antikörper bedeutet: geringer Entzündungsreaktionen.

Also kann ich jetzt die Korken knallen lassen?

Aus dieser Studie lässt sich unzureichend ableiten, dass Alkoholkonsum – moderater wohlgemerkt -, einen therapeutischen Effekt bei rheumatischer Arthritis oder MS haben könnte. Denn Mensch ist nicht gleich Maus. Das Mausmodell kann höchsten dabei behilflich sein, sich an bestimmte Mechanismen anzunähern. Außerdem befasst sich die Studie nicht mit möglichen, ebenfalls auftretenden schädlichen Nebenwirkungen des Alkohols. Selbst wenn moderater Alkoholkonsum in einigen Fällen eine lindernde Wirkung auf Entzündungsschübe zeigen kann, stehen dem die langfristigen Folgen des Alkoholkonsums gegenüber. Man darf nicht vergessen: Den Mäusen wurde über einen längeren Zeitraum täglich Alkohol verabreicht. Das Ziel der Studie war schließlich nicht, in Alkohol ein Therapeutikum zu finden. Die Forscher wollten lediglich das Rätsel lösen, warum Alkohol in einigen Studien zu rheumatischer Arthritis einen lindernden Effekt zeigt. Mit Acetat als Stoffwechselprodukt von Alkohol hat man schließlich einen ganz interessanten Verantwortlichen gefunden. Denn Acetat wird auch in großen Mengen bei der Verdauung von Ballaststoffen gebildet. Bei diesen fällt es ungleich leichter, sich einen gesundheitsfördernden Effekt vorzustellen. So kommen auch die Forscher zu dem Ergebnis, dass das Entschlüsseln solcher Mechanismen vor allem dabei hilft zu verstehen, welchen Einfluss unsere Ernährung auf das Immunsystem hat. Und das wiederum lässt auf weitere, spannende Studie hoffen.