Die Gitarre klingt grün: Was ist Synästhesie?

Auch wenn es den Anschein hat: Sinneseindrücke entstehen nicht etwa in der Nase oder auf der Zunge – sondern im Gehirn. Das unglaublich komplexe Organ interpretiert die Sinneseindrücke bei jedem Menschen individuell. Doch die Unterschiede dabei sind größer als man denkt. Das trifft besonders auf Personen mit einer sehr speziellen Sinnesverarbeitung zu: einer von 25 Menschen ist ein sogenannter „Synästhet“ – ein Mensch, bei dem sich die Wahrnehmung der Sinne vermischt. Riechen, schmecken, sehen, hören und fühlen gehen ineinander über.


Synästheten können Musik nicht nur hören sondern auch sehen oder schmecken
Synästheten können Musik nicht nur hören sondern auch sehen oder schmecken

So bunt ist Musik

Wie klingt Synästhesie? Leise plätschern die ersten Töne als himmelblaue Tropfen aus den Lautsprechern. Strahlende Kegel und abstrakte Skulpturen wachsen langsam aus dem Boden, während die Geige pulsierend-leuchtende Blasen von Himmel regnen lassen, die in einem schillernden Lichtbogen zerplatzen. Ein Meer aus silbernem Licht wogt über das Parkett – der Kontrabass umschmeichelt die flammenden Pyramiden des Klaviers, die sich in den goldenen Sphären der Klarinette spiegeln. Das Crescendo lässt pulsierende Lichtpunkte in einer wirbelnden Brise über die Szenerie wehen. Musik ist für viele Synästhetiker ein Erlebnis, das alle Sinne anspricht.

Vermischung der Sinneseindrücke

Eine alte philosophische Frage lautet: Nehmen alle Menschen die Welt auf die gleiche Art und Weise wahr? Sieht Rot für Sie genauso aus, wie für mich? Oder entsteht unsere Wirklichkeit erst dort, wo wir sie tatsächlich wahrnehmen – in unseren Köpfen? Fakt ist: Es gibt Menschen, die erleben die Welt völlig anders. Synästheten hören Farben, sie schmecken Formen und sie fühlen Musik. Am häufigsten ist dabei das „Farbhören“ – Synästhetiker nehmen Worte, Geräusche und Töne „farbig“ wahr. Grundsätzlich sind jedoch alle Sinnesverbindungen möglich; eine Zitrone schmeckt dann nach Glasperlen, die über die Fingerspitzen rollen, eine Fünf riecht nach Haselnuss, und Seide fühlt sich grün an. Buchstaben oder Zahlen können stumpf, hart, metallisch, plüschig sein, oder einfach nach Banane schmecken. Das Wort Synästhesie ist abgeleitet vom altgriechischen συναισϑάνομαι – synaisthánomai, zu Deutsch „mitempfinden“ oder „zugleich wahrnehmen“. Synästhetische Wahrnehmungen unterliegen nicht der willentlichen Kontrolle, können aber durch bewusste Fokussierung ausgeblendet werden.

Welche Arten von Synästhesie gibt es?

Prinzipiell ist die Vermischung aller möglichen Sinneseindrücke möglich. Die Wahrnehmung der Menschen wiederum ist komplex und alles andere als trennscharf definierbar, sodass es keine abschließende Liste der Arten von Synästhesie gibt. Die Deutsche Synästhesie Gesellschaft e.V. etwa spricht von über 80 verschiedenen Formen. Weit verbreitet sind beispielsweise:

  • Farbhören: Geräusche oder Musik werden gleichzeitig in Farbe oder als Formen wahrgenommen.
  • Gefühls-Synästhesie: Emotionen werden als Farben oder Formen wahrgenommen.
  • Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben oder Zahlen werden untrennbar mit einer Farbe assoziiert.
  • Sequenz-Raum-Synästhesie: Wochentage, Monate oder Ziffern besitzen eine eindeutige räumliche Anordnung vor dem inneren Auge.
  • Linguistische Personifizierung: Schriftzeichen werden mit einem Geschlecht und Charaktereigenschaften verbunden.
  • Person-Farb-Synästhesie: Charakteren wird eine typische Farbe zugeordnet.
  • Lexikal-gustatorische Synästhesie: Worte haben einen bestimmten Geschmack oder eine auf der Zunge spürbare Textur.
Bei der Synästhesie vermischt sich die Sinneswahrnehmung im Gehirn
Bei der Synästhesie vermischt sich die Sinneswahrnehmung im Gehirn

Wie entsteht Synästhesie und wie häufig tritt sie auf?

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schätzten Wissenschaftler die Häufigkeit eines Auftretens von Synästhesie auf ungefähr eins zu zweitausend. Aktuelle Studien mit objektiveren Messkriterien kommen zu einem wesentlich höheren Prozentsatz von Synästheten in des Gesamtbevölkerung, nämlich auf etwa vier Prozent. Bessere Untersuchungs- und Abgrenzungsmöglichkeiten dürften die Ursache für den Anstieg sein. Die allermeisten Personen mit einer synästhetischen Wahrnehmung weisen allerdings nur eine sehr leichte Ausprägung auf. Einige Untersuchungen deuten eine mögliche genetische Disposition an: Bei Frauen ist diese Begabung weit häufiger zu finden als bei Männern, zusammen mit einer deutlichen Anhäufung innerhalb einzelner Familien spricht daher einiges dafür, dass die Synästhesie eine vererbliche Begabung ist. Bei einer Studie aus dem Jahr 2018 beobachteten Forscher beispielsweise bei drei Familien, dass sich eine bestimmte Art von Synästhesie über mehrere Generationen hinweg finden lässt. In einer Studie gaben zudem 43% der befragten Synästheten an, dass mindestens ein weiterer Synästhet unter den Verwandten ersten Grades sei. Als gesichert gilt die Hypothese der Erblichkeit von synästhetischer Wahrnehmung damit allerdings noch nicht, zumal sie andernorts oft bei Personen auftritt, bei denen keine Synästhesie im Familienumfeld auftritt.

Lässt sich Synästhesie im Gehirn nachweisen?

Ihre außergewöhnlichen Wahrnehmungen verdanken die Synästhetiker nicht ihrer lebhaften Phantasie: Mit bildgebenden Verfahren – wie der Kernspintomographie – haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass beispielsweise beim Hören von Musik tatsächlich Hirnareale aktiv sind, die eigentlich nur bei optischen Reizen eine Rolle spielen. Es handelt sich also um einen Zustand, der sich physikalisch nachweisen lässt. Darüber hinaus zeigt sich bei Synästheten keine neurologische Veränderung, die Anlass zur Sorge wäre: Sie weisen weit mehr Übereinstimmungen als Unterschiede bei allen neurologischen und kognitiven Merkmalen mit anderen Menschen auf. Es handelt sich eher um eine zusätzliche, ergänzende Begabung. Die synästhetischen Wahrnehmungen werden von den Betroffenen übrigens selbst als völlig normal empfunden. Viele sind erstaunt, wenn sie erfahren, dass nicht jeder so denkt und empfindet wie sie selbst.

Wonach riechen wohl die Blumen für einen Synästheten?
Wonach riechen wohl die Blumen für einen Synästheten?

Laute Zahlen und unsympathische Wochentage: Kann Synästhesie nerven?

Die Vermischung verschiedenster Sinneseindrücke hat für einige Synästhetiker allerdings auch negative Aspekte. Computerpiepsen, das einem auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit im Büro entgegenschallt, kann sich in Form von blutroten Stacheln, die aus den Wänden fahren, manifestieren. Schneller, als andere Menschen empfinden Synästhetiker sich bei komplexen Signalen überfordert – sie empfinden eine Reizüberflutung. Auf der anderen Seite haben sie oft ein weit besseres Erinnerungsvermögen als andere: Für Synästhetiker besteht eine Telefonnummer beispielsweise aus verschiedenen Farben, die ein festes bildhaftes Gefüge ergeben. Das lässt sich leichter merken. Darüber hinaus ergreifen Synästhetiker überdurchschnittlich häufig kreative Berufe wie Künstler oder Musiker – sie leben von Kindesbeinen an in einer Welt aus Farben, Formen und Strukturen.

Ist Synästhesie eine Krankheit?

Eine Krankheit ist die Synästhesie ganz sicher nicht. Einige eher philosophisch orientierte Wissenschaftler verorten in den Synästhetikern vielmehr Kinder einer neuen Generation des Menschengeschlechts. Sieht so die Zukunft der Menschheit aus? Personen, die in der Lage sind, alle Sinne zu verbinden und auf diese Art zu neuen kreativen und gedanklichen Wegen befähigt sind? Andere Wissenschaftler hingegen vermuten, dass die Synästhesie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit ist. Dafür spricht, dass Säuglinge grundsätzlich eine stärkere Verbindung zwischen den einzelnen Wahrnehmungen besitzen, die sie dann allerdings im Laufe der Zeit verlieren. Während fleißige Wissenschaftler also weiterhin versuchen, das Phänomen Synästhesie zu ergründen, lehnen die Betroffenen sich zurück und genießen die leuchtenden Farben der Musik, den Geschmack der Wolken und den süßen Duft des Sonnenunterganges.

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