Zucker gegen Blasenentzündung? Alles was Sie über D-Mannose wissen müssen

Blasenentzündung, Harnwegsinfektion, Multiple Sklerose

Normalerweise denkt man im Zusammenhang mit Gesundheit nicht unbedingt an Zucker – es sei denn, in Verbindung mit dem Wort „weniger“. Doch ein besonderer Zucker hat mehr in sich als unerwünschte Kalorien: D-Mannose könnte neben einigen anderen Aufgaben im menschlichen Stoffwechsel die Eigenschaft besitzen, Erreger zu blockieren, die sich an die obersten Schleimhautschichten in der Blase anheften. Verschiedene Studien zeigen: Mannose kann bei unkomplizierten Blasenentzündungen (Zystitis) und bei anderen Harnwegsinfektionen (HWI) die Ausschwemmung von unerwünschten Escherichia coli (kurz:  E. coli-)-Bakterien fördern.

Wie hilft Mannose bei Blasenentzündungen? Auf dem Bild ist eine Rolle Toilettenpapier zu sehen

Was genau ist Mannose?

Mannose (bzw. D-Mannose) ist ein in der Natur vorkommender Einfachzucker, auch Monosaccharid genannt, der zu den Aldohexosen und Kohlenhydraten gehört. Er wird in kleinen Mengen vom Körper selbst hergestellt und kommt auch in bestimmten Obstsorten vor, besonders in Preiselbeeren, Cranberries, Johannisbeeren, Blaubeeren, Äpfeln und Orangen. Die D-Mannose ist mit der D-Glucose (auch bekannt als Dextrose oder Traubenzucker) strukturell eng verwandt und in Wasser leicht löslich. Außerdem kommt Mannose auch in Birken, Buchen oder Mais vor. Aus letzterem wird die D-Mannose für Nahrungsergänzungsmittel meistens gewonnen. Anders als Glukose, wird D-Mannose im Magen-Darm-Trakt langsamer aufgenommen und hat einen niedrigeren glykämischen Index: Sie lässt den Blutzuckerspiegel also im Verhältnis weniger stark ansteigen. Der Grund: D-Mannose wird vom Körper zwar aufgenommen, aber nicht verstoffwechselt. Oral eingenommen, wandert D-Mannose unverändert über die Nieren in den Harntrakt bis zur Blase. Hier wird sie mit dem Urin wieder ausgeschieden.

Bakterien haften an körpereigener Mannose

Harnblase und Harnwege sind mit einer Schleimhaut aus Zellen überzogen, die als Urothel bezeichnet wird. Die Zellen dieser Schleimhaut bilden ganz natürlich Mannose. An dieser Mannose können sich allerdings unerwünschte E. coli-Bakterien anhaften: Die Eindringlinge besitzen fadenförmige Proteine – so genannte Fimbrien – mit denen sie sich an der Mannose gewissermaßen festhalten können wie mit einem Enterhaken. Wenn sich ein E. coli-Bakterium erstmal festgesetzt hat, tut es das, was es am besten kann: Es vermehrt sich. Wird die Zahl der Bakterien zu groß, können sie eine Entzündung verursachen. Bis zu 90% aller Blasenentzündungen sind auf diese störenden Eindringlinge zurückzuführen.

Was machen E. coli-Bakterien in der Blase

Was haben E. coli-Bakterien eigentlich in der Blase zu suchen? Die Antwort: Gar nichts, denn eigentlich sollten sie nur im Darm vorkommen, wo sie normalerweise keine Probleme verursachen. Doch immer wieder kann es vorkommen, dass die ungebetenen Gäste den Weg über den Harnleiter in die Blase finden. Auch bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, sind in den meisten Fällen E. coli-Bakterien verantwortlich, denn sie können sich dauerhaft in der Blasen-Schleimhaut einnisten (rezidivierende Zystitis). Klingen die Symptome einer akuten Infektion zunächst ab, vermehren sich die Bakterien in der Blasenschleimhaut zu einer neuen Population, die dann die Zellen sprengt und sich in der Blase breitmacht. Hier können sich dann auch die neuen Störenfriede direkt an die Mannose klammern und erneut Entzündungen hervorrufen.

Wie hilft D-Mannose bei Blasenentzündungen?

In der Presse und in der Forschung rückt D-Mannose derweil immer stärker in den Fokus, wenn es um die Frage geht, ob der Zucker bei Verbeugung und Behandlung von Blasenentzündungen helfen kann. Verschiedene Studien zeigen nämlich, dass sie zum Diätmanagement bei Blasenentzündungen und Harnwegsinfektionen eingesetzt werden kann. Moment mal – die Bakterien halten sich doch an der Mannose fest… warum sollte man dann noch mehr davon einnehmen? Ganz einfach: Die künstlich zugeführte Mannose sitzt nicht im Urothel, sondern sie schwimmt frei in der Blase umher. Die Bakterien sind jedoch wenig wählerisch und klammern sich mit ihren Fimbrien mit großer Begeisterung auch an diesen frei umherschwimmenden Zucker. Dadurch haben sie gewissermaßen keine Hände mehr frei, um sich an der Mannose in der Blasenschleimhaut festzuhalten; sie werden mit dem Wasserlassen einfach aus dem Körper gespült. Das ist das ganze Geheimnis der Mannose – vereinfacht beschrieben.

Hat D-Mannose Nebenwirkungen?

D-Mannose ist im Allgemeinen sehr gut verträglich. Nur in seltenen Fällen (in Studien ist von ca. 8-10 Prozent die Rede) kann es zu Magen-Darm-Problemen kommen, die sich normalerweise durch eine Reduktion der Dosierung wieder in den Griff bekommen lassen. In der weiter unten beschriebenen Studie von 2013 war die Rate unerwünschter Wirkungen im Vergleich zu denen, die vom eingesetzten Antibiotikum verursacht wurden, deutlich geringer. Nur acht Frauen mit D-Mannose, aber 29 mit Nitrofurantoin klagten über Nebenwirkungen. Eigenschaften, die eine Gefährdung der Gesundheit vermuten lassen, auch für Personen ohne Zielindikation, sind indes nicht bekannt. Grundsätzlich sind keine Vorsichtsmaßnahmen und Kontraindikationen zu benennen.

Darf D-Mannose auch zusammen mit Antibiotika eingenommen werden?

Nach heutigem Kenntnisstand lässt sich D-Mannose problemlos auch zusammen mit Antibiotika einnehmen. Während die Antibiotika die Bakterien abtöten, kann Mannose möglicherweise deren Neuansiedlung verhindern und den Abtransport übriggebliebener Besucher unterstützen. Sinnvoll ist dies selbstverständlich nur dann, wenn der Arzt die Antibiotika aufgrund einer Infektion mit E. coli-Bakterien verschrieben hat. Ob Antibiotika bei einer leichten Blasenentzündung abgesetzt und durch Mannose ersetzt werden können, sollte definitiv ärztlich abgeklärt werden. Grundsätzlich gilt: Wenn die Antibiotika die Entzündung nicht vollständig beseitigen, besteht die Gefahr, dass die Bakterien sich wieder vermehren und resistent gegenüber diesen Antibiotika werden. Gegen das am meisten angewendete Mittel Clotrimazol etwa treten gehäuft lokale Resistenzen bei den coliformen Erregern auf, so dass oft auf andere Antibiotika-Klassen ausgewichen werden muss. Bei D-Mannose hingegen kann es nicht zu einer Resistenzbildung kommen.

Wie schnell wirkt D-Mannose und wie sollte man sie einnehmen?

Wie schnell D-Mannose wirkt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Individuelle Faktoren spielen hier ebenso eine Rolle wie die Schwere der Entzündung. Wichtig ist: Nur bei leichten Beschwerden, die nach wenigen Tagen abklingen, können Sie eventuell auf einen Besuch beim Arzt verzichten. Falls die Beschwerden zunehmen, wenn Sie Fieber bekommen oder der Verlauf länger als drei Tage dauert, gilt bei der Einnahme von D-Mannose dasselbe wie bei Hausmitteln: Sie sollten unbedingt einen Arzt aufsuchen. Unabhängig davon kann D-Mannose problemlos auch dauerhaft eingenommen werden, sofern Sie sie gut vertragen und keine Nebenwirkungen auftreten. In den Studien empfohlen wird eine über den Tag verteilte Tagesdosis von etwa 2.000 mg Mannose.

In welcher Form kann man D-Mannose einnehmen?

D-Mannose lässt sich von verschiedenen Herstellern etwa als Nahrungsergänzungsmittel oder Medizinprodukt erwerben – etwa in Drogerien oder in der Apotheke. Da die Präparate üblicherweise nicht verschreibungspflichtig sind, können Sie sie allerdings auch einfach online kaufen. Wichtig ist es dabei selbstverständlich, auf die Qualitätsstandards des Herstellers und das Herkunftsland der Produkte zu achten. Verfügbar ist D-Mannose in Kapselform oder als loses Pulver bzw. Granulat, das sich in Wasser oder andere Getränke mischen lässt. Darüber hinaus bieten einige Hersteller auch Kombi-Präparate, bei denen zusätzlich zur Mannose Pflanzenextrakte oder Vitamine enthalten sind. Beim Thema Blasenentzündung kommen hier etwa Extrakte von Cranberry oder Kresse infrage.

Ist die Wirkung von D-Mannose wissenschaftlich bewiesen?

Eine oft zitierte kroatische Langzeitstudie ergab bereits im Jahr 2013, dass Mannose bei der Prophylaxe von Blasenentzündungen mit dem Antibiotikum Nitrofurantoin mithalten kann. In der randomisierten klinischenStudie, die im renommierten World Journal of Urology veröffentlicht wurde, untersuchten die Forscherinsgesamt 308 Teilnehmerinnen mit akuter Harnwegsinfektion über einen Zeitraum von sechs Monaten. Die Patientinnen erhielten zu Beginn der Studie eine Woche lang das Antibiotikum Ciprofloxacin. Im Anschluss wurden sie in drei gleich große Gruppen eingeteilt, von denen eine zur Vorbeugung sechs Monate lang täglich 50 mg des antibiotischen Arzneistoffs Nitrofurantoin erhielt. Eine andere Gruppe bekam prophylaktisch sechs Monate lang täglich zwei Gramm D-Mannose, die in 200 ml Wasser aufgelöst wurde. Die dritte Gruppe fungierte dagegen als Kontrollgruppe und erhielt kein Mittel zur Prophylaxe. Nach sechs Monaten hatten 62 Teilnehmerinnen in der Kontrollgruppe, 21 in der Nitrofurantoin-Gruppe und nur 15 in der Mannose-Gruppe erneut mit einer Infektion zu kämpfen. Die Forscher schlussfolgerten, dass D-Mannose das Infektionsrisiko signifikant verringern kann. Als gesichert galten diese Erkenntnisse nicht, denn die besagte Studie wird von Experten oft als methodisch unzureichend bewertet. Mittlerweile wurden jedoch weitere Studien durchgeführt, um die Wirkung von D-Mannose zu untersuchen.

Weitere Studien aus Italien kommen zu ähnlichen Ergebnissen

So wurde zwischen April 2014 und Juli 2015 eine Pilotstudie an der Universität Sapienza in Rom durchgeführt. Eine D-Mannose-Verbindung wurde drei Tage lang zweimal täglich und dann zehn Tage lang einmal täglich verabreicht. Nach der beschriebenen Behandlung wurden die Patienten per Zufall ausgewählt, ob sie in den nächsten 6 Monaten eine Prophylaxe erhalten – oder eben nicht. Nach Abschluss der Behandlung zeigte sich eine signifikante Verbesserung der meisten Symptome bei Probanden aus der Prophylaxe-Gruppe. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass D-Mannose ein wirksames Mittel bei akuter Blasenentzündung und auch ein erfolgreiches Prophylaktikum sein kann. Auch eine andere Studie aus dem Jahr 2014 im italienischen Pavia mit Patientinnen mit akuten und drei oder mehr wiederkehrenden Harnwegsinfektionen im Vorjahr zeigte, dass Mannose bei der Behandlung von wiederkehrenden Harnwegsinfektionen wirksam zu sein schien. Signifikant war der Unterschied im Anteil der Frauen, die infektionsfrei blieben – im Vergleich zu denen in der Antibiotika-Gruppe. Dies ist laut der Forscher auf die mikrobielle Resistenz gegenüber herkömmlichen Antibiotika zurückzuführen, die ein zunehmendes Problem darstellt.

Aktuelle Studie aus 2019 fasst Erkenntnisse zusammen

Ebenfalls aus Italien stammt einer der aktuellsten Studien zum Thema D-Mannose, die uns bekannt ist: In einer Meta-Studie aus dem Jahr 2019 fassten Mediziner der Poliklinik San Matteo die gesammelten Erkenntnisse von relevanten Studien aus den Jahren 2010 bis 2018 zusammen. Ihr Ergebnis nach einer Analyse der vorliegenden Quellen: D-Mannose kann die beschwerdefreie Zeit bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen reduzieren. Die Forscher stellten fest, dass ein signifikanter Unterschied zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppen bestand (keine Behandlung, Antibiotikaprophylaxe, Prophylaxe mit Proanthocyanidin). Auch in der aktuellen Veröffentlichung wird allerdings auf methodische Schwächen bei einigen Studien hingewiesen. Das Thema D-Mannose bleibt also spannend für Forscher und Mediziner.

Studienlage: Mannose und Multiple Sklerose

Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der Multiplen Sklerose. 50 bis 80 Prozent der Betroffenen klagen im Verlauf ihrer Erkrankung über Blasenstörungen. Neben neurologischen Funktionsstörungen treten bei Patientinnen und Patienten auch häufig Harnwegsinfektionen auf. Langzeit-Antibiotikaprophylaxe ist die am weitesten verbreitete Strategie, führt jedoch zu Nebenwirkungen und einer erhöhten bakteriellen Resistenz gegen Antibiotika. Eine kleine Studie des National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London zeigen etwa, dass auch MS Patientinnen und Patienten von einer Einnahme von D-Mannose profitieren können. Ihr Ergebnis: Die Anwendung von D-Mannose bei MS-Patienten, die über wiederkehrende Harnwegsinfekte berichten, ist ohne Sicherheitsbedenken mit einer Verringerung der Anzahl von Harnwegsinfektionen und Antibiotika-Verschreibungen verbunden. Aber auch hier seien größere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit zu bestätigen.