Propionsäure und Multiple Sklerose: Welchen Einfluss hat der Darm auf das Gehirn?

Ernährung, Multiple Sklerose, Propital

Alzheimer, Parkinson, Morbus Crohn und vor allem Multiple Sklerose – neuere Forschungen weisen darauf hin, dass bei all diesen Krankheiten auch der Darm beteiligt ist. Vor allem die Darmflora – also das Mikrobiom, das aus bis zu 160 verschiedenen Bakterienstämmen besteht – steht bei den Forschern dabei unter Beobachtung. Und die Zusammensetzung dieser Bakterien lässt sich beeinflussen – zum Beispiel durch Propionsäure.

 

Wie so oft im Leben, geht es um Balance: Die Darmflora eines einzelnen Menschen besteht aus bis zu 100 Billionen Bakterien, von denen einige Stämme bestimmte Entzündungsreaktionen im Körper fördern, während andere diese Reaktionen hemmen – ein notwendiges Gleichgewicht. Schon lange ist bekannt, dass die Darmgesundheit einen erheblichen Einfluss auf das Immunsystem des Menschen hat. Nimmt eine Art der Bakterien im Darm zu, so gerät das System zunehmend außer Kontrolle. Immer mehr wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass genau die Balance auch und gerade bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) gestört ist – mit einem erheblichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Bei der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten wird deutlich, dass die Ernährung wichtiger Ansatz sein könnte, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

 

Ist falsche Ernährung eine Ursache für Multiple Sklerose?

 

Die medizinische Forschung hat zahlreiche Umwelteinflüsse identifiziert, die bei der Entstehen der Multiplen Sklerose beteiligt sind – zum Beispiel Rauchen, Vitamin-D-Mangel oder Viruserkrankungen -, doch einige Risikofaktoren sind auch heute noch wenig erforscht. Vor allem in den westlichen Industrienationen ist die Anzahl der Multiple Sklerose Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten stärker gestiegen als in anderen Regionen. Was ist der Grund? Auf der einen Seite ist dafür schlicht und ergreifend die bessere medizinische Diagnostik verantwortlich, sprich: Bessere bildgebende Verfahren, eine umfassende, digitale Datenverarbeitung und die fundierte fachliche Ausbildung der behandelnden Ärzte haben dafür gesorgt, dass die Krankheit immer früher und verlässlicher erkannt wird. Allerdings sprechen auf der anderen Seite auch Indizien dafür, dass die sich ändernden Lebensgewohnheiten für die steigende Zahl der Krankheitsfälle verantwortlich ist. Einer der wichtigsten Faktoren ist: die Ernährung. Bereits Ende der 1970er-Jahre machten skandinavische Wissenschaftler die Beobachtung, dass in küstennahen Gebieten weniger Erkrankungen auftreten als im Landesinnern. Ihre Theorie: Der Fischkonsum könnte einen Einfluss auf die Krankheitshäufigkeit haben. Nachfolgenden Studien konnten diese Hypothese allerdings nicht erhärten. Neuere Forschungen lassen allerdings den Schluss zu, dass die Ernährung tatsächlich ein wichtiger Einflussfaktor ist. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang: kurzkettige Fettsäuren, und besonders die Propionsäure.

 

Was sind kurzkettige Fettsäuren bzw. Propionsäure?

 

Kurzkettige Fettsäuren werden natürlich im Darm gebildet, wenn Bakterien im Mikrobiom Ballaststoffe – also für den Menschen unverdauliche Kohlehydrate – verarbeiten. Sie sind Energiequelle für Zellen des Enddarms und sind darüber hinaus in vielen Teilen des Körpers am Energiestoffwechsel beteiligt – auch im Gehirn. Eine Unterart der kurzkettigen Fettsäuren ist die Propionsäure. In der Natur kommt sie nicht nur im Darm vor; auch einige Käsesorten wie der Emmentaler verdanken ihr das besondere Aroma (zwischenzeitlich wurde sogar versucht, einen Käse herzustellen, der bei entzündlichen Darmerkrankungen therapeutisch eingesetzt werden sollte). Durch chemische Reaktionen kann aus der Säure ein Salz entstehen; bei der Propionsäure spricht man in diesem Fall von Propinonat. In dieser Form wurde es über viele Jahre hinweg auch in Deutschland als Konservierungsmittel verwendet, etwa um Brot oder Kosmetika haltbarer zu machen. Bis in die 80er-Jahre haben viele Menschen das Salz also ganz automatisch zu sich genommen, ohne es zu wissen, zum Beispiel mit dem Abendbrot. Zwischenzeitlich wurde es jedoch in der EU verboten, da Versuche mit Ratten ein gesteigertes Krebsrisiko vermuten ließen – ein Irrtum, wie sich später herausstellte. Dennoch ist durch diesen Umstand die gute Verträglichkeit auch statistisch gut belegt, und heute ist Propionat als Lebensmittelzusatz als unbedenklich rehabilitiert. 

 

Forscher der Uni Bochum nehmen Propionsäure ins Visier

 

Das vermutlich wichtigste Zentrum für die Erforschung von Propionsäure im Zusammenhang mit MS liegt im Ruhrgebiet: Prof. Dr. Aiden Haghikia von der Uniklinik Bochum ist davon überzeugt, dass vor allem Fettsäuren abhängig von ihrer Kettenlänge die Entstehung und Vermehrung von entzündlichen oder regulatorischen Immunzellen im Darm fördern können. Die Bochumer Neurologen verabreichten in einer Studie 50 Patienten, die unter Multipler Sklerose leiden, das Salz der Propionsäure. Die Patienten fühlten sich daraufhin, so die Studie, fitter, energiegeladener und wacher. Bereits nach zwei Wochen konnten die Mediziner im Blut deutlich mehr Immunzellen und weniger Entzündungszellen feststellen. Doch wodurch kam dieser Effekt zustande? Durch längkettige Fettsäuren werden Darmwandzellen seinen Studien zufolge eher zu Entzündungszellen. Die ungünstigen Fettsäuren finden sich etwa in Fleisch, weshalb eine fleischarme Ernährung empfehlenswert ist. Anders verhält es sich mit kurzkettigen Fettsäuren: Sie reduziere die entzündlichen Reaktionen im Körper und helfen Zellen dabei, die Immunreaktion zu regulieren. Die kurzkettige Fettsäure aktiviert laut Haghikias Forschung die regulatorischen T-Zellen, die eine Entzündungsreaktion hemmen und damit den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können. Darüber hat die Propionsäure offenbar einen günstigen Effekt auf den Blutzuckerspiegel – sie könnte also sogar beim Abnehmen helfen.

 

Mögliche Therapien mit Propionsäure bei MS

 

Die meisten MS-Therapien zielen heute darauf ab, die entzündlichen Reaktionen des Immunsystems zu hemmen. Eine Unterstützung der regulatorischen Komponenten durch Propionsäure wird als Ergänzung der zugelassenen Therapien dabei immer interessanter für Mediziner und Patienten. Sie bieten eine zusätzliche Möglichkeit, eine anti-entzündliche Darmflora zu stärken. Geplant sind also innovative diätische Add-on-Therapien, die zusätzlich zu den zugelassenen Immuntherapeutika verabreicht werden können. Da Propionate von der EU-Nahrungsmittelkontrolle als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen sind, können MS-Patienten Propionsäure schon heute in Kapselform kaufen und ausprobieren, obwohl die klinischen Langzeitstudien noch andauern. „Da Propinat allerdings ein ungefährliches Nahrungsergänzungsmittel ist, verhält es sich wahrscheinlich ähnlich wie mit Vitamin D – gegen eine pragmatische Einnahme ist vor dem Hintergrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse nichts einzuwenden“, bestätigt Prof. Dr. med. Mathias Mäurer, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation am Klinikum Würzburg-Mitte.

 

Quellen 

 

https://www.klinikum-bochum.de/fachbereiche/neurologie/zentren-labore/forschungszentrum-neuroimmunologisches.html

 

https://www.cell.com/immunity/fulltext/S1074-7613(15)00392-1 (Englische Quelle)

 

https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-018-0497-1

 

https://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/3129-darm-hirn-achse-fettsaeuren-diaet-gegen-multiple-sklerose-2

 

https://lsms.info/index.php?id=181

 

https://www.ms-docblog.de/multiple-sklerose/propionat-und-die-rolle-des-darms/

 

 

 

Bildquellen

  • : Africa Studio / Shutterstock.com
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