Cranberry bei Blasenentzündungen? Das sagt die Forschung

Blasenentzündung, Harnwegsinfektion

Die Cranberry ist eine Verwandte der Heidelbeere, und sie erfreut sich nicht nur in Soßen, Gebäck und Müsli großer Beliebtheit. Die Große Moosbeere oder Kranbeere – das sind ihre deutschen Namen – gilt als das Hausmittel schlechthin bei Blasenentzündungen und Harnwegsinfektionen. In den vergangenen Jahren wurde in verschiedenen Studien die Wirksamkeit der Früchte untersucht. Das Ergebnis: Es gibt Hinweise, doch bislang keine handfesten Belege. Wir haben uns die Studienlage angeschaut.

Reife Cranberrys liegen auf einem Holztisch neben einem Korb

Saure Beere für saures Blasen-Milieu

Obwohl viele, die unter Blasenentzündungen leiden, auf sie schwören: Zurzeit ist noch unklar, ob Cranberrys allein ein wirksames Mittel zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen sind. Zwar deuten viele Studien in diese Richtung, was nahelegt, dass zumindest manche Teilnehmerinnen von der Cranberry-Einnahme profitierten. Indes besteht in der Fachliteratur der Verdacht, dass es sich bei vielen dieser positiven Cranberry-Studien um einen Zufallsbefund oder um Schwächen im Studiendesign handeln könnte. Die ursprüngliche Idee der Studienautoren war es, zu belegen, dass krankheitsauslösenden Bakterien es durch bestimmte Pflanzenstoffe (wie die in der Cranberry enhaltenen Proanthocyanidine) es schwerer haben, sich im Inneren der Blase anzuheften. Zudem soll die Beere den PH-Wert des Urins in der Blase senken. In diesem sauren Milieu fühlen sich Bakterien nicht wohl, und sie werden in ihrer Vermehrung gehemmt – so die Idee. Bei Versuchen im Labor konnte ein entsprechender Effekt tatsächlich nachgewiesen werden. Inwiefern dies auf den menschlichen Organismus und breite Anwendungsfelder übertragbar ist, ist jedoch nicht eindeutig belegt.

Was denn nun? Helfen Cranberrys oder nicht?

Die Fachwelt ist gespalten. Seit 2016 mehren sich die zweifelnden Stimmen: Es sei „time to move on“, also Zeit, die Cranberry als wirksamen Mittel gegen Blasenentzündungen zu vergessen, schreibt etwa Lindsay Nicolle im renommierten Fachjournal der American Medical Association JAMA. Die Professorin für Mikrobiologie an der Universität Manitoba in Kanada ist auf die Erforschung von Blasenentzündungen spezialisiert. Seit Jahrzehnten wird an ihrem Institut untersucht, ob Cranberrys gegen die Entzündungen von Harnwegen und Blase helfen. „Even though many clinical trials evaluating the use of cranberry products for prevention of UTI* have been reported, results have been inconsistent and the efficacy, if any, remains unknown after almost 100 years”, fasst sie ernüchternd zusammen. Auf Deutsch: Trotz unzähliger Studien und nach fast einem Jahrundert gebe noch immer keine verlässlichen Beweise für die Wirksamkeit der Cranberry.  

*UTI = urinary tract infection, deutsch: Harnwegsinfektionen

Cochrane-Reviews mit unterschiedlichen Ergebnissen

Die Ergebnisse klinischer Untersuchungen von Cranberry-Zubereitungen zur Prävention von Harnwegsinfektionen sind Bestandteile eines systematischen Cochrane-Reviews, der erstmals 1998 publiziert wurde und mittlerweile dreimal aktualisiert wurde, zuletzt 2012. Dieses unabhängige internationale Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die evidenzbasierte Entscheidungsfindung in Gesundheitsfragen durch hochwertige (Meta-)Studien zu fördern. Die Forscher führten also nicht selbst Studien durch, sondern bewerteten die Ergebnisse einer Vielzahl von veröffentlichten Arbeiten. Während in den ursprünglichen Meta-Analysen aus den Jahren 1998 und 2004 die klinische Evidenz von Cranberry-Zubereitungen durchaus positiv bewertet wurde, führten die Reviews von 2008 und 2012 zu einer deutlichen Abschwächung der Bewertung und damit auch der zurzeit vorliegenden Evidenz.   

Meta-Studie von 2012

Um den Forschungsstand einzuschätzen, ist eine Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks aus dem Jahr 2012 ein guter Ausgangspunkt. Darin wurden 24 Studien mit 4.473 Testpersonen berücksichtigt. Die Teilnermer kamen bei den betrachteten Studien aus sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen: Es handelte sich um Frauen oder Männer mit aktuellen und oder wiederkehrenden Harnwegsinfekten, Kinder mit erhöhtem Risiko für Harnwegsinfekte, Ältere, Schwangere oder Personen mit Blasenkatheter. Auch die Behandlungsansätze waren in den Studien unterschiedlich: Ein Teil sollte Cranberrys in Form von Saft, Konzentrat, Tabletten oder Kapseln zu sich nehmen. Die Menschen in der Vergleichsgruppe bekamen unter anderem Antibiotika, Placebopräparate, Wasser oder Milchsäurebakterien zugeteilt. Oder sie bekamen gar nichts. Am Ende wurde bei allen Studien ausgewertet, wie viele leichte und schwere Harnwegsinfekte in den Cranberrygruppen und in den Vergleichsgruppen aufgetreten waren.  

Ein Labormitarbeiter hält einen Teststreifen für Urin neben eine Vergleichstabelle

Alles nur Zufall?

Tendenziell kam es bei den Testpersonen, die Cranberry-Produkte einnahmen, zu weniger Harnwegsinfektion. Allerdings stellte das Forschernetzwerk fest, dass es sich aufgrund des Designs der Studien um Zufallsbefunde handeln könnte. Die Unterschiede zwischen den Probandengruppen waren nicht signifikant, wie es im Fachjargon heißt. Das Fazit der Übersichtsarbeit des Cochrane-Netzwerks: Beim Auftreten von Harnwegsinfekten gab es insgesamt keinen deutlichen Nutzen durch die Einnahme von Cranberrys – auch wenn die Resultate einzelner Studien in verschiedene Richtungen deuteten. Auch eine Subgruppen-Analyse (bei der die Daten einzelner Bevölkerungsgruppen in den Fokus genommen werden) zeigte, dass keine einzelne Gruppe deutlich von den Beerenprodukten profitieren konnte. Da insbesondere Frauen von wiederkehrenden Harnwegsinfekten betroffen sind, wurden Studien zu deren Ergebnissen gesondert betrachtet. In drei kleinen und einer großen Studie mit insgesamt 594 Teilnehmerinnen bekamen in der Cranberry-Gruppe ca. 20% eine Harnwegsinfektion, während in der Kontrollgruppe 23% der waren. Auch hier: Hinweise, aber keine signifikante Evidenz.  

Größtes Problem: Studienabbrüche

Problematisch sei etwa, dass bei den zugrundeliegenden Studien zum Teil mehr als die Hälfte der Testpersonen vorzeitig ausstiegen. Die Studienabbrüche wurden nicht immer angemessen in der statistischen Auswertung der Einzelstudien behandelt, was zu enormen Verzerrungseffekten führen könne, so das Studiennetzwerk. Als ein möglicher Grund für einen Ausstieg oder die unregelmäßige Einnahme wird der bittere Geschmack der Kranbeere gewertet, auf den viele Teilnehmerinnen im Laufe der monatelangen Studien offenbar vorzeitig keine Lust mehr hatten. Eine weitere Schwäche der Untersuchungen sei die Studiengröße gewesen: Viele waren zu klein, um mögliche Effekte statistisch valide zu belegen. Außerdem war bei etlichen Produkten die genaue Zusammensetzung nicht vergleichbar, sodass Rückschlüsse auf die möglicherweise wirksamen Konzentrationen von Wirkstoffen unmöglich seien.   

Aktuelle Übersichtsarbeit und laufende Studien 

Das Autorenteam legte nahe, dass Cranberrys durchaus wirksam sein könnten, um bei gesunden Frauen wiederkehrenden unkomplizierten Harnwegsinfekten vorzubeugen. Eine neuere Metastudie aus dem Jahr 2017, die sieben Studien mit insgesamt 1498 Teilnehmerinnen unter die Lupe genommen hat, kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko einer Harnwegsinfektion durch Cranberry um 26% reduziert werden kann – auch hier stehen aber wieder methodische Herausforderungen vor einer klaren Bewertung. Durchweg gute Ergebnisse erzielten Studien unter Laborbedingungen. So etwa eine Pilotstudie, in deren Verlauf vier Probanden sieben Tage lang ein Cranberry-Trockenextrakt einnahmen. Deren Urin wurde gesammelt und in einem standardisierten Verfahren hinsichtlich seiner antiadhäsiver (vereinfacht: „nicht anhaftenden“) Eigenschaften geprüft. Tatsächlich ergaben sich aus den Urinproben signifikante antiadhäsive Effekte. Daraus folgerten die Forscher, dass es sich bei Cranberry um eine Arzneipflanze mit antiadhäsivem Potenzial handeln kännte. Selbstverständlich müsse dieser Pilotversuch mit einer größeren Stichprobenzahl reproduziert werden, so die Forscher. Eine entsprechende Studie („Antiadhäsive Naturprodukte gegen uropathogene E. coli“) läuft zurzeit an der Universität Münster. Auch an der Hochschulambulanz für Naturheilkunde der Charité-Universitätsmedizin Berlin am Immanuel Krankenhaus Berlin läuft seit Februar 2017 eine Anwendungsbeobachtung mit experimenteller Wirkmechanismus-Analyse zu Cranberry-Extrakt bei Patienten mit chronisch-rezidivierenden Harnwegsinfekten. Die Studie ist abgeschlossen, befindet sich jedoch derzeit in der Auswertungsphase.

Zwei Hände halten einige dutzend Cranberrys

Soll ich nun Cranberry zu mir nehmen oder nicht?

Eines ist sicher: Gegen den Verzehr der Beeren in Form von Saft oder Trockenfrüchten ist sicherlich nichts einzuwenden, enthalten Cranberrys doch ein komplexes Spektrum an Flavonoiden, wertvollen sekundären Pflanzenstoffen (oligomeren Pro¬anthocyanidinen und Triterpenoiden), organischen Säuren sowie nennenswerte Mengen an Vitamin C. Neben vaskulären Effekten – wie der Erweiterung der Blutgefäße und eine Absenkung des Blutdrucks – können sekundäre Pflanzenstoffe zudem entzündungshemmend und antibakteriell wirken. Ob die Pflanze wirklich gegen Blasenentzündungen hilft, ist aus der Studienlage nicht eindeutig abzuleiten: Es zeigen sich durchaus Hinweise darauf, dass die Einnahme von Cranberry-Zubereitungen oder des Pflanzenextrakts durchaus eine Wirkung gegenüber uropathogenen E. coli-Bakterien haben kann, die für unkomplizierte Harnwegsinfektionen verantwortlich sind. Allerdings beschränkt sich die Wirksamkeit eventuell auf bestimmte Zielgruppen oder bestimmte Bakterienstämme. Um gegen die leichte oder wiederkehrende Form der Blasenentzündungen vorzugehen, kann es sich daher empfehlen, die Verteidigung auf breitere Beine zu stellen und etwa auf Kombinationen mit anderen Stoffen zu setzen, wie etwa mit D-Mannose. Grundsätzlich sollte das Vorgehen mit einem Hausarzt abgestimmt werden, der bei schwereren Verläufen auch zu einer dann sinnvollen Behandlung mit Antibiotika raten wird. Fazit: Wer persönlich gute Erfahrungen mit der Cranberry gemacht hat, wird auch zukünftig bedenkenlos zu Nahrungsmitteln oder Zubereitungen der Pflanze greifen. Die derzeit laufenden Studien werden dann eventuell neue Erkenntnisse über die Kranbeere zutage fördern – es bleibt spannend.